Eröffnung. Ein Erlebnisaufsatz

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Das Festivalzentrum des heurigen Walserherbsts ist der Gemeindesaal der Gemeinde Sonntag. Er teilt sich das Gebäude mit dem Lagerhaus, dem Adeg, vormals Konsum Sonntag, der Vorarlberger Landesversicherung, dem Gemeindeamt, der Polizei und der Raiffeisenbank.

Der Gemeindesaal sieht genau so aus, wie man ihn sich vorstellt. 

Auf der gegenüberliegenden Seite der Hauptstraße befindet sich die Pension Alpenrose, seit Jahrzehnten nur mehr privat an Urlaubergruppen vermietet, ursprünglich als Festivalzentrum geplant, und seit wenigen Wochen Brandruine. Das Dach ist nur mehr in Andeutung vorhanden und von einer rotweißen Plane abgedeckt.

 

Am frühen Abend die erste Veranstaltung. Vernissagen-Spaziergang im Dorf. Der Fußweg von der Hauptstraße zum Ausgangspunkt, dem Heimatmuseum Sonntag, führt an der Dorfkirche vorbei, deren Turminsignien übrigens noch zu klären sein werden. Das Heimatmuseum, ein sogenanntes Walser Urhaus, vor Jahrhunderten geschindelte Wände; davor heute Stehtische in weißen Strümpfen, Prosecco, Rosé, Mineralwasser und Johannisbeersaft.

Unter Regentropfen, zugleich abendlichen Sonnenstrahlen einige Worte von Festivalleiter Dietmar Nigsch. Die Gäste aus dem Tal nach ihrem Dafürhalten anlassbezogen gekleidet, andere in städtisch kunstaffinen Signalen. Paisleygemusterte Hose und goldener Schriftzug „SIN AT RA“. Zwei junge Männer, ganz in schwarz, beide Sonnenbrillen, erweisen sich später als Musiker bei der Eröffnung in der Festivalzentrale.

Landtagsabgeordneter und Bergbauer Josef Türtscher, mit seiner Frau Susanne. Kurzarmhemd, lachende Augen, Händeschütteln; bei Fotograf Nikolaus Walter dabei jovialer Arm auf der Schulter.

Walter spricht über seine ausgestellten Bilder und die dazugehörigen Texte des Schriftstellers Joe Berger, entstanden in den Siebziger Jahren, von dem es hieß, er schreibe nicht, sondern stelle sich nur trinkend dar. Er schrieb aber, trinkend, bis er 1991 mit 51 Jahren starb, vermutlich an beidem. Die Presse seiner Zeit nannte ihn unter anderem einen „Großzelebrator des Spontanen“. Walter erzählt, für die gemeinsame Arbeit habe Berger die damals erstaunlich hohe Summe von 16.000 Schilling bekommen, die er umgehend auf der Rückfahrt mit dem Zug nach Wien im Speisewagen mit sämtlichen Mitreisenden versoffen habe.

der kuckuck legt innerhalb von 24 stunden 4-5 eier in fremde nester. einzelgänger. hochmoderner vogel. sehr interessant!

(Aus dem Text „Notizen im Kalender eines Unbescholtenen“.)

 

Im ersten Stock Bilder von Martin Frommelt, vor etwa vierzig Jahren entstandener Zyklus, das raue Zusammenleben von Mensch und Rind. Frei von Romantik. Ein Bild zeigt den dunklen Stall, mehr schwarz als weiß, die Kehrseiten der Rinder, dazwischen einen gebückten Rücken beim Melken, und eine kleinere Gestalt, mühselig zwei bereits gefüllte Kübel schleppend.

Im Nebengebäude, dem eigentlichen Stall des Heimatmuseums, Arbeiten von Barbara Anna Husar. Humboldt und Kobold, Tracht und Trächtigkeit, Montgolfière und Luftschiff, Haeckels Naturstudien, fluoreszierende Farben, Textilien, Stempel, Dinosaurierweibchen. Euter und Zitzen überall.

Dann Hilfeleistung beim Servieren von 200 Stück selbstgemachter philippinischer Frühlingsrollen. Zubereitet von Neni, Filipina, um die siebzig, seit ein paar Wochen verheiratet mit Otto Bischof („I bi dr Otto, an Bischof ohne Kappa“), aus Blons, etwa ebenso alt. Von Pater Christoph, dem Pfarrer von Blons, kurzerhand während der samstäglichen Abendmesse getraut. Hochmodernes Paar. Sehr interessant!

 

Der Fußweg zum biosphärenpark.haus (Kleinschreibung und „unerwartete“ Interpunktion – gibt es noch immer!), den Hang entlang und direkt vor die ausgebrannte Alpenrose führend: trotz aller früheren Aufenthalte im Tal bislang unbekannt. Ein anderer Hang: der zum Kalauer. Angesichts des Brandskeletts und in Erinnerung an ein dort erlebtes, fulminantes Wochenende – Wiederbelebung der Wirtshausküche nach 28 Jahren, Essen, Trinken, Blasmusik, mehr Trinken und Tanz: Tote Rose.

Im biosphärenpark.haus großformatige Bilder aus Biomillionär Lamperts Buch über indigene Rinderrassen aus aller Welt. Auf der oberen Terrasse Steinskulpturen von Gregor Pokorny, der den Anwesenden einige Dinge zur Verschiedenartigkeit von Steinen und den Herausforderungen ihres Behauens erzählt. Mehr Rosé. Einige jausnen.

Ein Schauraum des modernen Gebäudes zeigt Artefakte historischer Sennereikultur, darüber ein Touchscreen. Bemerkenswert auch ein neben der Tür angebrachter runder Stickrahmen mit einem bedruckten Stück Stoff, das Gesicht von Dichterin und Talseele Elisabeth Burtscher in Schwarzweiß, „Mundart im Tal“ und, in der Mitte, ein QR-Code.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Parkplatz der Seilbahn Sonntag-Stein samt Jubiläumsausstellung im Container (50 Jahre. À propos: Ebenfalls 50 Jahre feiert laut einem Aufsteller an der Hauptstraße der „TV-Sonntag“. Gemeint ist, obwohl sogar Bindestrich, nicht die Serie „Tatort“, sondern der Trachtenverein.) 

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Daneben der Wanderkiosk. Unsere Quartiergeber im Tal sind Gerda und Konrad Burtscher. Sie unten, er auf der Alp – wo sonst, schwer verständlich, vor allem akustisch, und Ausnahmeerscheinung unter den ansässigen Schnapsbrennern. Anstoßen mit seinem Meisterwurzschnaps.

 

Dann in den Gemeindesaal.

Die Pflanzen, Sitzmöbel und weitere, präzise beleuchtete Bilder von Lamperts kosmopolitischen Rindern lassen den (auch mit Menschen) gut gefüllten Saal ganz anders aussehen als bei Tag noch. Eine weitere Ansprache von Festivalleiter Dietmar Nigsch, einschließlich eines afrikanischen Sprichworts und eines Zitats vom Alten Geheimrat, dann eine von Musikkuratorin Evelyn Fink-Mennel. Noch einige Worte zur folgenden Musikperformance, die, eigens für den Anlass konzipiert, tatsächlich dem Angekündigten gänzlich entspricht. Elektronik, Kuhglocken, traditionelle Polkathemen und Wortketten zur Milchwirtschaft (auch kritisch), dazu Akkordeon, Klarinette, Fagott, Saxophon und Geige. Zum Schluss ein Glas Milch (NÖM, Tetrapack).

Buffet, kalte Platte. Durch den Raum ziehend Streicher und Gesang. Rosé, Schnaps.

Heimweg. 

 

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