Perzeptive Äquilibristik

Sonntag, 19. August. Frühmorgens der Jungfernflug des Ballons. Am Nachmittag im Festivalzentrum eine Performance des niederländischen Künstlers Nick Steur.

Zu Fuß von Garsella nach Sonntag, etwa eine Stunde. Eine vermeintliche Abkürzung, vom Luftbild in die Irre geführt – steile, brusthohe Streuwiesen, Unterholz, kraftvolle Gebirgssonne, Flucht vor Erdwespen. Von einem heftigen Regenguss auf den letzten paar hundert Metern geläutert und demütig um 16 Uhr Ankunft im Gemeindesaal, dem Festivalzentrum.

Der Künstler, Locken, Bart, Mitte dreißig, in Blaumann und Stahlkappenschuhen, weist sofort an, den Raum wieder zu verlassen. Man wartet geduldig vor der Tür, etwa zwei Dutzend Menschen vor Ort. Nach einiger Zeit erscheint er und erteilt einige Instruktionen. Keine Kleinkinder, keine Fotos, keine Videos, die Telefone ausschalten, schweigen, sich vorsichtig, aber frei im Raum bewegen, Dauer sechzig bis achtzig Minuten. Auch wenn der Chronist im Zuge seiner eigenen künstlerischen Tätigkeiten teils strenge Forderungen an das jeweilige Publikum stellte, kann er nicht umhin, den Verlauf der letzten Stunden als Prüfung der Gelassenheit zu empfinden.

Unter dem ersten lautstarken Donnern eines nahenden Gewitters betreten alle Anwesenden den Saal. Auf einer Länge von etwa zehn Metern eine Bahn von Eisenplatten am Boden, darauf stehend hohle Metallsäulen verschiedener Höhen, mit quadratischem Querschnitt, an den Breiten jeweils ein starker Scheinwerfer. Das Publikum bildet einen Kreis um das Arrangement, stehend und auf wenigen Stühlen sitzend. Auf den Fensterbänken liegen insgesamt 88 vom Künstler heute Vormittag im Bachbett der Lutz ausgesuchte Steine verschiedenster Größen und Formen.

Der Künstler sucht sich zwei der Steine aus, tritt an eine der Säulen und balanciert sie unter mehreren Rotationen und Positionsversuchen schließlich aufeinander.

Wortlos, mit einem ausgestrecktem Arm, ersucht er die Anwesenden, ihm einen oder zwei weitere Steine zu reichen. Wenn diese letztlich eine stabile Lage gefunden haben, hält er die Hände in geringem Abstand noch schützend darum und entfernt sich dann vorsichtig von der Metallplatte, auf der er, die Säule und die Steine stehen – manchmal hat man den Eindruck, er sei von deren Stasis ebenso überrascht wie die Betrachter. Es donnert immer wieder.

Nach zwanzig oder dreißig Minuten, als bereits einige Balanceakte vollbracht sind, fällt einer der größeren Steine und löst dadurch eine Kette von weiteren Erschütterungen und Stürzen aus. Säulen und Steine kommen krachend auf den Platten zu liegen. Man erschrickt dabei nicht, rechnet man doch eher damit als mit dem beinah unglaubwürdigen Gleichgewicht der Objekte. Nun auch die gefallenen Säulen selbst einbeziehend, rearrangiert der Künstler das Gefallene zu neuen Gebilden.

(In einem Gespräch am Vortag einigte man sich auf die Frage nach dem möglichen Umstürzen, Scheitern lächelnd darauf, es sei „zwar nicht Teil des Plans, aber des Konzepts“.)

Die Zeit vergeht schnell, und man kann auch den jeweiligen Grad der Ruhe und Unruhe anderer Anwesender deutlich spüren. Natürlich gibt es einige Momente gemeinschaftlichen Aufatmens, wenn sich ein länger dauernder Akt endlich im Gleichgewicht befindet. Vor allem die letzten beiden Versuche wollen lange nicht gelingen, und der jeweilige Schwierigkeitsgrad hat sichtlich nichts mit dem zu tun, was die äußerliche Beschaffenheit der Objekte nahelegt.

Es wird klar, dass hier nicht nur Steine in eine flüchtige Balance gebracht werden, sondern damit auch die anwesenden Betrachter.

Unter großem Applaus beendet der Künstler nach einer guten Stunde sein Werk, um danach mit einer Karaffe einzelne Objekte vorsichtig mit Wasser zu benetzen. Man rechnet dabei jederzeit wieder mit einer Kette des Einstürzens.

Die Farben der Flusssteine treten leuchtend zutage.

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