Perspektivenwechsel. Auch erzählerisch.

Am Mittwoch, dem 29. August, wache ich mit leichten Kopfschmerzen auf. Es ist heiß, unter Wolkenschleiern. Nach einem frugalen Frühstück und einem Kurzbesuch im Festivalbüro hänge ich an den Anschlagtafeln zweier Dörfer neue Texte aus.

Danach fahre ich, mich auf den gutmütigen Geschäftsleiter Gebi Burtscher berufend, mit meiner zukünftigen Lesungsstätte, der Gondel der Seilbahn Sonntag-Stein, auf die Bergstation. In der Kabine Schwäbisch, Vorarlbergerisch, Schwyzerdütsch. Ich senke den Altersschnitt beträchtlich.

An der tiefsten Stelle liegen wohl einige Hundert Meter Luft unter uns, darunter das Schotterbett der Lutz. Unwillkürliche Überlegungen zu Materialermüdung und Verkettungen unglücklicher Umstände drängen sich auf.

Angekommen, nehme ich umsäumt von Geranien auf der Panoramaterrasse Platz und notiere ein paar Zeilen meiner privaten Chronik. (Öffentlichkeitstaugliche Auszüge möglicherweise im Zuge der Gondellesungen.) Ich bestelle Soda Zitron und einen Teller Pommes Frites, der mir wenig bekommt. Radio Ö3 und mehr Schwäbisch; die freundliche Kellnerin hat einen slawischen Akzent. Atemberaubende Sicht, blauer Himmel, Kitschverdacht.

Dann breche ich auf und marschiere eine zügige halbe Stunde zur sogenannten Echowand, wo ich schon von Weitem mehrstimmigen Gesang hören kann. Tatsächlich steht auf der Plattform eine Gruppe deutscher Wanderer, die sich bergan die Gondel mit mir teilten, und besingt den Gegenhang. Ich werde danach entdeckt und zur Lesung befragt; man hat die Konversation am Schalter der Talstation mitgehört. Die Damen und Herren sind talerfahren, und das Gespräch mäandert über kirchliche Feiertage und Essen im Tal zu Schwefelbad und Saunawagen. Freundlicher Abschied.

Zurück zur Bergstation und wieder ins Tal. 

 

 

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Neben dem Wanderkiosk des Festivals, am blauen Doppelcontainer, der die Ausstellung zu 50 Jahren Seilbahn beherbergt, sitzt Clown Martha, Martha Labil, in einem blauen, weißgepunkteten Kleid und rotem Hütchen. Sie ist etwas blass, und auf ihrem Schoß steht ein Tablett mit einer Kanne Tee. Sie sei matt, habe etwas Fieber. Der Clown ist krank.

Seit anderthalb Wochen bewegt sich Martha durch das Tal. Wir kennen uns seit ihrem plötzlichen wie denkwürdigen Erscheinen in der gut gefüllten Stube des Gasthauses Gemsle, das wir mit der Gruppe AO& im Jahr 2012 für einige Wochen wieder zum Leben erweckten. Ich erinnere mich unter anderem an kopfstehendes Ziehharmonikaspiel im Herrgottswinkel.

Letzten Donnerstag begleitete ich ihr Bach-Bett Wandertheater entlang der Lutz.

Martha ist seit etwa zwanzig Jahren „Performerin, Akrobatin, Clown und einiges“, wie ich unlängst behauptete. Obwohl sie sich etlicher Elemente der vielleicht klassischen Clownerie bedient – Kostümierung, Schminke, kleine Tricks, Musik, immer ein Rudel Kinder hinter sich – spielt sie nicht angestrengt eine Rolle, sondern überrascht aus dem Nahbaren, ist als sie selbst zugleich spürbar. Das mit Clowns gemeinhin assoziierte Groteske, Überzeichnete, der Slapstick, sind hier höchstens sanft angedeutete und immer wieder gebrochene Methoden.

Wie sie mit der Aufmerksamkeit der Kinder, aber eben gerade der Erwachsenen spielt und sich weder auf die private Person noch auf die etablierte Clownrolle festlegt, erinnert sie mich in gewisser Weise an die künstliche, sich aber doch völlig natürlich einstellende Veränderung der Wahrnehmung durch die Arbeit des Performers Nick Steur (cf. „Perzeptive Äquilibristik“).

Die letzten Tage sah man sie mit einem riesigen roten Gummiball, aufs Dach ihres alten Kombis gefesselt, durch das Tal fahren, die „ruhige Kugel“. Sie tanzte am Trachtenfest, besuchte Bekannte, saß im Saunawagen und an Stammtischen.

Als sie sich vom Kiosk verabschiedet, nimmt sie das Tablett mit Tasse und Kanne, balanciert es auf ihrem Kopf und schreitet langsam und vorsichtig, an Tischen mit Wanderern vorbei, Richtung Hauptstraße, um das Geschirr auf der anderen Seite zurückzubringen. Ein älterer Herr hält den Verkehr für sie auf, sie verzieht keine Miene, lässt sich die Zeit, die sie braucht. Lächeln, auch Kopfschütteln. Ein kleiner Applaus.

Die folgende Anekdote wird in Alan Moores exzellenter Novelle Watchmen (1986) über den fiktiven Clown Pagliacci erzählt; auch dem legendären französischen Clown Grock (1880 – 1959) wird sie angedichtet. Hier die Variante über Clown und Pantomimen Joseph Grimaldi (1778 – 1837). 

 

It is said of Grimaldi that he felt his work so keenly that as soon as his performance was over, he retired to a corner and wept profusely. Here was a man of tender heart and generous impulses.

There is a story about him which has been handed down by many generations of clowns. It goes on to say that once Grimaldi became very ill and despondent. He went to consult a great London specialist. He looked him over and then remarked: 

„Go to see Grimaldi, and laugh yourself well.“

The clown looked at him sadly and replied:

„I am Grimaldi.“ 

 

 

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Drei Varianten vertikaler Fortbewegung.
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Schneekanonen im Sommerschlaf.
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Colour codes.

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