Gott und die Welt

Donnerstag, 30. August, 9 Uhr 30, Nebel, Regen.

Dank seiner exzellenten Wegbeschreibung ist das Wohnhaus im unteren Teil von Blons, in dem Pater Christoph lebt, leicht zu finden. Schild „Frisur Pur“, „am Trampolin vorbei“, „großes Wegkreuz“, parken, „Treppe hoch – und Willkommen!“

Christoph hustet trocken. Der Pater ist krank. Es scheint ihm nichts auszumachen. Wir einigen uns auf Tee. Er vergisst den Deckel, was den Wasserkocher zum Luftbefeuchter macht. Wahrscheinlich gut so.

Christoph Müller, groß, drahtig, Anfang siebzig, freundlicher, intelligenter Blick, wuchs in Zürich mit drei Geschwistern auf. Die Mutter starb früh. Als Kind war er fasziniert von Natur und Verhaltensforschung, Konrad Lorenz, Ornithologie.

Er ministrierte als Einziger in der Familie.

Der zoologische Garten Zürichs, das Interesse an Zoologie und Naturwissenschaft war sein Weg in das Gymnasium des Benediktinerklosters Einsiedeln, das er 1968 abschloss.

Er maturierte als Einziger in der Familie.

Während der Schulzeit lernte er die Mönche kennen, wurde einer von ihnen und unterrichtete nach dem Studium der Romanistik – Biologie war bereits von einem Mitbruder belegt – 25 Jahre lang Latein in Einsiedeln, bis er dann nach Sankt Gerold im Großen Walsertal kam. Die Propstei Sankt Gerold ist geistlicher Besitz der Benediktiner von Einsiedeln, und Pater Christoph wurde Priester der Pfarrgemeinden Sankt Gerold, Blons und Thüringerberg. Er bewältigt bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit alle nötigen Strecken mit seinem Fahrrad. Es seien für ihn Momente der Freiheit. 

 

Wir steigen ohne Umschweife ins Metaphysische ein. Im Folgenden der Versuch, einige Themen aus der Erinnerung und spärlichen Notizen wiederzugeben. Ich habe mich für unser Treffen bewusst gegen eine Audioaufnahme entschieden.

Kurz rekapituliere ich meine eigene römisch-katholische Sozialisation – ein nahtloser Übergang zu meiner Frage nach der impliziten Starrheit von Offenbarungsreligionen. Christoph erwähnt darauf als Beispiel die alttestamentarische Regel, Flachs und Wolle (Pflanze und Tier) in Geweben nicht zu mischen, verwirft Derartiges und verweist, wie einige Male während des Gesprächs, auf Jesus – Reinheit sei nicht im Befolgen von Regelwerken, sondern im Inneren zu suchen und finden.

Das führt uns zu Formen der Askese, ursprünglich „Arbeit an sich selbst“, von den körperlichen Exerzitien der griechischen Athleten entlehnt. Kasteiung als Selbstzweck sei abzulehnen, das Freiwerden von Potential für andere Bereiche anzustreben. So auch bezüglich des Zölibats, der aus der Überlieferung nur Empfehlungscharakter habe. Christoph meint, es gebe für ihn keine Berufung zum Zölibat, aber „eine gewisse Liebe zu dieser Lebensform“. [Jesus äußerte zum Zölibat, ohne die Lebensform seinen Nachfolgern aufzuzwingen, die einladenden Worte: Wer es fassen kann, der fasse es.“ *]

Wäre er nicht in den Orden eingetreten, wäre er wohl Biologe geworden und hätte eine Familie gegründet, sagt er. Die andere Erwägung sei damals gewesen, sich den Petits Frères de Jésus, den Kleinen Brüdern Jesu, anzuschließen, einer urchristlichen Arbeiterpriesterbewegung aus Frankreich, die die ersten dreißig Jahre Jesu nachleben wollen und als Gleiche unter Industriearbeitern, Müllmännern etc. tätig sind, „kontemplativ mitten unter Menschen“. „In Höhlen wohnte ein Besessener“, der, geheilt, Jesus folgen möchte, aber in seine Gemeinschaft zurückgeschickt wird.

Christoph zitiert Johannes, der über Jesus sagte, „er wusste, was im Menschen ist“, und meint damit, im Guten wie im Schlechten. Vergebung sei „immer möglich“; in der ursprünglichen Gefolgschaft Jesu [Mönchsväter, nicht Apostel *] seien einige geläuterte Schwerverbrecher, Mörder und andere Verirrte gewesen, die aufgrund ihrer Erfahrungen mehr über das Wesen des Menschseins gewusst hätten als blind hörige Adepten.

Dem Verlorenen Sohn, der von sich aus zum Vater zurückkehrt, stellt er ein Bild von 99 Schafen gegenüber, die dem Hirten folgen, und einem, das sich sich im Gestrüpp verfangen hat, woraufhin der Hirt („vertrauensvoll, vielleicht leichtsinnig“) die Herde sich selbst überlässt, um das eine verloren gegangene Schaf suchen zu gehen.

Wir sprechen über Mystik, Gnosis und andere Religionen. Christoph erwähnt ein Buch namens „Nahe der Nabe des Rades“ [Hrsg. M. Kämpchen, G. Sartory] – je mehr sich die einzelnen Speichen der Mitte nähern, desto näher kommen sie sich auch gegenseitig. 

Papst Franziskus, den Christoph schlicht Bergoglio nennt, sei übrigens früher so streng und autoritär gewesen, dass ihm zeitweise der Kontakt zu seinen Mitbrüdern verboten wurde. [Vieles in Tun und Denken des Papstes ist vor diesem biographischen Hintergrund besser verständlich.“ *]

Auch zu Frauenordination (kindisch: muss an Gynäkologie denken, schmunzle unwillkürlich) und Priesteramt allgemein hat Christoph eine pragmatische Sicht. Er zitiert wieder Jesus, „wenn zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind“. Mehr brauche es nicht. 

[„Absoluten Vorrang im Sinne Jesus hat die Verkündigung der Frohen Botschaft mit allem, was dazu gehört (z.B. Sakramente). Wem das anvertraut wird und auf welche Weise, das hat sich im Laufe der Zeit, teils schon in der Urkirche, geändert und muss sich weiter ändern. Weil die Kirche aber weltweit zu Hause ist, soll das klug und umsichtig geschehen.“ *]

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Pater Christoph mit zweien seiner Bücher. Er schenkt sie mir.

 

2010 waren wir als Gruppe AO& im Rahmen unserer „Studien zur Gastfreundschaft“ auch im Pfarrheim von Blons bei ihm zu Gast. Immer wieder hört man im Tal, dass er dieses Haus, eines der schönsten im Ort, einer syrisch-kurdischen Familie mit fünf Kindern überlassen hat, um in die schmucklose kleine Wohnung zu ziehen, in der wir jetzt am Küchentisch sitzen, neben einem Schüsselchen Kaiser Bimenthol.

Ich behaupte, etwas dreist, dass das für einen Christen eher selbstverständlich als erwähnenswert sein sollte. Er ist völlig einverstanden. Das große Haus sei auch umständlich zu putzen gewesen, lacht er.

Er mag zwar Tennis (Federer), hat aber keinen Fernseher, trinkt kaum bis keinen Alkohol und hat selbst nie eine Art von Chronik geführt. Was hinter ihm ist, lässt er ziehen, sagt er.

Christoph hat nicht nur den Deckel, sondern auch den Tee, den er schließlich aufgegossen hat, vergessen. Wir trinken ihn dann gegen Ende unseres Gesprächs lauwarm, was weder ihn noch mich stört. 

* Nachträglich von Pater Christoph ergänzt.

 

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