Gold, Berg, Variationen

I.

Am frühen Abend des 19. August, nach der Taufe des Euterballons und der Performance von Nick Steur, schraube ich mich mit den Festivalmitarbeitern Julia und Dominik die Bergstraße nach oben, vorbei an Fontanella und dem Faschinajoch, zur Kirche von Damüls. 313 Einwohner, 109 Pistenkilometer, „schneereichstes Dorf der Welt“.

Über der Nebeldecke im Tal, letzte Strahlen Abendsonne.

Vor dem Portal treffe ich Hildegard Bischof, sie mustert meine Jogginghose. Ich äußere die Vermutung, dass diese einen Herrgott eher nicht beschäftige, woraufhin sie einen Blick auf die Umstehenden wirft und meint, „dem isch es wohl am eheschta gliich“.

Die um 1500 entstandenen Fresken zeigen die Passion Christi, an der linken Wand ein Pestaltar.

Vor dem Altar der voll besetzten Kirche nehmen sieben Männer in Hüten Stellung, I Cantori da Vermèil. Seit Jahrhunderten mündlich und notenfrei tradierte Mehrstimmigkeit aus dem Trentino, aus voller Brust gesungen, Kirchliches – Totenmessen, Rosenkränze, dann Bergmanns-, Eisenbahner- und Fischerlieder, tragische Liebesgeschichten. Ernst und Humor.

Die polyphonen Vibrationen resonieren derartig berückend durch das Langhaus, dass meine Augen eine gute Stunde lang fast durchwegs geschlossen bleiben. Ornamentfreie, fraglose Erhabenheit.

Danach begibt man sich ins Foyer des Viersterners Mittagspitze. Die Sänger trinken Bier und singen jetzt ihre Trinklieder, nicht minder komplex und mächtig. Ich trinke ein Glas erbarmungswürdigen roten Hauswein, etwas abseits lehnend, und höre zu. Meine Mitfahrgelegenheit hat mich vergessen. Ich entdecke Theresia Bickel aus Sankt Gerold, die sich meiner annimmt.

Heimweg.

 

II.

Erster September, Samstag. Lange Musiknacht.

Drei Delegationen von je einem Dutzend Jodlern vereinigen sich nach jeweils mehrtägigen Wanderungen durch ganz Vorarlberg mit den Teilnehmern der Radix Musikwerkstatt. Um 20 Uhr versammelt man sich im Festivalzentrum zu einem einleitenden Stück mit Tanz, um dann für zwei Stunden an fünf verschiedene Orte unter verschiedenen Ägiden auszuschwärmen, woraufhin sich die Menge wieder in das Festivalzentrum zusammenziehen wird.

Schon auf dem Weg zum Auftakt im ganzen Ort Autos und Gruppen von Menschen, teils singend oder kurz jodelnd, gemeinsame Tonlagen suchend und findend, andere mit allen Arten von Instrumentenkoffern bepackt.

Es ist fast dunkel, hat zwei Tage lang geregnet, und dichter Nebel hängt im Tal. Die Kapuzenfiguren entlang der Straße und der erratische Schall hangauf- und abwärts durch den Nebel erzeugen eine schwer zu fassende Stimmung. 

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Das Festivalzentrum ist voll, der Paartanz am Anfang ausgelassen und chaotisch heiter. Ich entscheide mich danach für das Gasthaus Krone, wo der Finne Antti Järvelä mit der Streicherfraktion der Musikwerkstatt in der hinteren Stube spielt – Finnisches, Estnisches, Eigenkompositionen, alternierend mit einer der Jodelgruppen, die sich zuvor noch draußen am Friedhof eingestimmt hat. Antti hat menschlich wie musikalisch Witz und Leidenschaft, und deren beider Wirkung überträgt sich sichtlich auf die Musiker. Auf seinem T-Shirt ist „Stay weird“ zu lesen. 

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Stay weird.

 

Dann weiter durch den Nebel, zum Wanderkiosk. Hinter dem Tresen steht Joe, der Liechtensteiner mit dem Lachen, das Kulturerbe sein sollte, und spendiert Meisterwurzschnaps von Konrad Burtscher. Man müsse ihn trinken, um nicht krank zu werden – danach sei es zu spät, so Konrad unlängst. Ich halte mich an seine Empfehlung.

Auf der anderen Straßenseite, im biosphärenpark.haus, eine weitere Station der Musiknacht. Der vordere Bereich ist voll mit Menschen, das Bild hat etwas für dieses Gebäude ungewohnt Festliches. Ich unterhalte mich am Eingang ein wenig mit Monika „Bio-Moni“ Bischof vom Biosphärenparkbüro, Hildegards Tochter, und kaue währenddessen gedankenverloren einen Zweig Thymian aus dem Ziertopf neben der Tür.

Von innen Bläserklänge, Applaus, Gelächter.

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III.

Das dritte Elektroauto, am Freitag Vormittag in Empfang genommen, ist ein siebensitziger Nissan e-NV200. Nach einigen Wochen im Tal sind Autofahrten, wie zum Beispiel nach Bludenz, um jemanden am Bahnhof abzuholen, eine gute Gelegenheit, die eingebrannten Silhouetten der äußeren und inneren Bergketten kurz aufzulockern.

Und manchmal bemühe ich bei kürzeren Strecken im Tal mittlerweile USB-Slot und passable Anlage des Nissan, um die Gemütskulisse zu wechseln. Der eigentlich unbeabsichtigt mitgereiste USB-Stick enthält einige Folder mit Rap.

Probates Mittel für die gesuchte Brechung der alpin-ruralen Befindlichkeit. 

 

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