Gemeinsam sind wir schwach

[Ein trockener Text.]

Die Stimmung gefestigt vom makellosen Herbsttag, inklusive einer Fahrt nach Fontanella, um an der Bushaltestelle die jüngst entstandenen Texte auszuhängen, begebe ich mich mit leicht angezogenen Schultern – im diffusen Wissen, was mich erwartet – am frühen Abend ins Festivalzentrum. Andreas Pichlers Dokumentarfilm „Das System Milch“ wird gezeigt. Die internationale Milchwirtschaft an diversen exemplarischen Betrieben. Überzüchtung, Gülleseen, Soja auf endlosen abgeholzten Regenwaldflächen, Überproduktion und Preisdruck, Überflutung Afrikas mit Milchpulverprodukten, Zerstörung der dortigen Landwirtschaft. Ich verzichte darauf, Details wiederzugeben, obwohl hierzu noch Vieles zu erzählen wäre. Trotz einer gewissen Vertrautheit mit dem tatsächlich gelebten bäuerlichen Alltag zum einen und den Auswüchsen der Agrarindustrie zum anderen schlagen sich die Bilder körperlich nieder. Der Auftritt von Bauern und Senn Alexander Agethle aus Mals im Vinschgau ist die Minimaleinheit Hoffnung, die einen den Film ohne Folgeschäden überstehen lässt. 

 

Danach findet ein von Josef Türtschers Tochter Eva-Maria moderiertes Gespräch statt. Bauer und Bürgermeister Hermann Manahl, ein junger Milchbauer aus dem Lungau, eine Dame vom Biosphärenpark Lungau, Gerhard Frei, seines Zeichens Geschäftsführer des Milchkonzerns Emmi Österreich, und Christine Klenovec vom hiesigen Biosphärenpark. Die Lungauer Delegation gewinnend und ehrlich. Das Gespräch insgesamt, vielleicht auch mit der Last des Films im Rücken, etwas verhalten und konziliant – man scheint bemüht, klarzustellen, dass die lokale Milcherzeugung und Verarbeitung nichts mit dem Gesehenen zu tun habe, allen voran Frei. Ich verzichte wiederum auf die Wiedergabe von Details. 

 

Als sich das Gespräch für das Publikum öffnet, meldet sich Erik Schmid, Amtstierarzt, zu Wort. Drei Dinge legt er nahe. Den Verzicht auf Kraftfutter (in einem Artikel über oben erwähnten Alexander Agethle war zu lesen, dass die an Rinder weltweit verfütterte Getreidemenge fünf Milliarden Menschen ernähren könnte), die Abkehr vom genetischen Einheitsbrei in der Zucht (prädominant das Holsteinrind) und der Verzicht auf Enthornung. Aus irgendeinem Grund die einzige mit Applaus bedachte Wortmeldung des Abends. Als daraufhin die Frage auftrat, ob die Kuh Hörner brauche, meldete sich Schmid noch einmal zu Wort; es gehe nicht darum, ob sie sie brauche, sie habe welche. Die Grundfrage sei: passt man die Tiere den Systemen an, oder die Systeme den Tieren? 

 

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Holsteinrind. Wikipedia.

 

Einige Bauern aus dem Tal ergreifen das Wort, lamentieren die Repräsentation ihrer Zunft in den Medien, ziehen den Sinn der Rückkehr zu hiesigen Rassen in Zweifel, bekennen sich einhellig zu ihrer Liebe zu Tier und Stall. Alles endet mit einer heiteren Meldung von Hermann Manahl.

 

Beim Aufbruch bleibt die generelle Frage, die sich angesichts der Art und Weise, wie wir „Wirtschaft“ treiben, häufig stellt und wohl noch häufiger stellen wird.

Wohin mit der Beklommenheit aufgrund der Tatsache, dass ein radikaler, liebevoller Visionär (nochmals exemplarisch Agethle) immer als weltfremder Idealist disqualifiziert und von den Mutloseren und den Relativisten, oft ohne jede böswillige Absicht, auch in seiner Praxis zurückgehalten wird? 

 

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Der Korpus wächst aus dem Rahmen.
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Wo Raummeter ungefähr gleich Festmeter ist.
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Open Office
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