Versorgungslinien

Am Morgen des 7. September fahre ich gemeinsam mit Philipp Riccabona durch strömenden Regen zum Vorderlandhus in Röthis, einer offenen Pflegeeinrichtung.

Wir besuchen unangekündigt Maria Kresenzia Dunst, geborene Burtscher. 

 

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Maria, im Tal Marile oder Mary, ist die 85jährige Schwester des verstorbenen Wirts Eugen Burtscher. Als wir 2012 mit der Gruppe AO& dessen Wirtshaus, das Gemsle*, nach langer Überzeugungsarbeit und diplomatischen Finessen für einige Wochen in Betrieb nehmen durften, verbrachte sie die gesamte Zeit an unserer Seite, um uns wie ihn im Auge zu behalten. Ihr anfängliches Misstrauen schlug schnell in Wohlwollen um.

Das Vorderlandhus, viel Holz, große Fenster, ausnehmend freundliches Personal; Bewohner wie Besucher kommen und gehen nach eigenem Ermessen. Der Geruch im Haus Schönbrunn im Wiener Bezirk Meidling, in dem meine Großmutter ihre letzten Lebensjahre verbrachte, eine Mischung aus Desinfektionsmittel, Kantinenküche und dem distinkten Geruch sehr alter Menschen, fehlt hier für mich auffällig.

Maria hat Besuch von ihrer Tochter, beide sind gleichermaßen überrascht. Es gehe ihr gut, sie habe auch den Walserherbst in den Medien verfolgt. Sie schaue wenig fern, nur Nachrichten, und lese viel, vor allem sämtliche Zeitungen und Blätter der Region. Wir lachen uns durch Anekdoten aus der gemeinsamen Zeit. Aus ihrem Fenster sieht sie weit über das Land. 

 

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Maria wird zum Mittagessen gerufen, wir verabschieden uns, und ich habe einen Vorschlag. An der Bundesstraße L193 in Thüringen, in einem Neubau in der Kurve, wo wir während unserer vergangenen Arbeiten im Walsertal schon einige gastronomische Experimente kommen und wieder verschwinden sahen, ohne je eines davon betreten zu haben, befindet sich seit 2014 das indisch-afghanische Restaurant Ariana. Rustikal hölzernes Restsediment erinnert an eines der Vorleben. Der junge Kellner wie der Koch sind herzlich und aufmerksam, die Gaststube momentan halbvoll, das Essen genuin, scharf, überzeugend. Raita, Paneer Pakora, Banarasi Choly und Bhindi Masala, Reis, Naan mit Butter und Sesam.

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Über Tobias Martes Fri-Ma Biohof in Ludesch, eine weitere Ausnahmeerscheinung in der Gegend – herausragende Ernte von den eigenen Feldern, für Philipp Riccabonas Verpflegung der Besucher am Fluss – und Aufstocken der Kaffee- und Tabakkontingente fahren wir zurück ins Tal. Das Fahrzeug muss zur Walser E-Mobil-Schau in Blons. Ich parke so, dass man die Spritzer an den Karosserieseiten möglichst nicht sofort entdeckt, und bin nur kurz gestrandet.

Das nahegelegene Gasthaus Falva, meistens geschlossen, richtet heute einen Italienischen Abend aus – all you can eat-Buffet, etliche alte Bekannte aus dem Tal. Ich werde als der Chronist erkannt. Mit meinen Notizen und dem Laptop breite ich mich im Nebenraum aus, an der Glasfront mit dem wie so oft verschwenderisch opulenten Blick, man zeigt mir die Steckdose im Boden und bringt sauren Radler. Aus dem Speisesaal tönen Gespräche, Besteck, Gläser, Ramazzotti, Celentano. Es wird langsam dunkel. 

 

* Mehr zu Geschichte und Lage unter http://www.walserherbst.at/wh_archiv_2012/ao.html im untersten Abschnitt, missing gemsle. 

 

Gemsle Sonntag (1 von 1)-14
Schreiben der privaten Chronik 2012 im Gemsle. Foto von Markus Gohm

 

 

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