Eine Versöhnung.

Die Nacht von Freitag auf Samstag brachte Zweifel.

In gedanklicher Vorbereitung auf die morgigen Lesefahrten in der Seilbahngondel, und den grundsätzlichen Anspruch einer jeden Chronik betreffend.

Das Wissen um die Tatsache – auch häufig aus meinen eigenen privaten Aufzeichnungen erfahren – dass rückblickend das Wesentliche einer beschriebenen Zeit gerade im Übersehenen und nicht erwähnenswert Scheinenden bestehen kann, dass die Fülle des Erfahrenen ohnehin lächelnd jedem noch so lauteren Versuch einer Beschreibung spottet.

Ich musste mich ermahnen, zum eigenen Eklektizismus und Subjektivismus zu stehen und darauf zu vertrauen, dass sich in jedem der essais meiner Zeit im Tal (hier im Wortsinn gemeint, Versuche) der eine oder andere Satz findet, der den ganzen Textkörper zu tragen vermag.

Nach dem erfahrungsreichen Tag (siehe „Versorgungslinien“) hörte ich am Abend im Festivalzentrum ein Dutzend Moritaten, gesungen von Gilbert Handler und Alexandra Sommerfeld. Er lange Frackschöße, sie dunkelrotes Samtkleid und Pelzstola; Blutrünstiges aus dem Wienerwald und den Bergen im Westen. Wahres und Erfundenes, manieriert und mit Attitüde interpretiert, Trockeneisnebel, vielleicht fünfundzwanzig Menschen an Tischen im Saal. Der vertraute Wiener Dialekt wirkte nach den Wochen im Tal in dieser Konstellation grotesk und fremd auf mich. Eugen Fulterer, Festivalleiter Dietmar Nigschs rechte (und manchmal auch linke) Hand, schnarchte, von ebendiesen Wochen sichtbar erschöpft, zart aus einer hinteren Ecke. Das sagenumwobene Nachtvolk wurde besungen. Ich ging.

Auf der Fahrt an den Fluss, zum Saunawagen, erste Zweifel. Versonnen und rückzugsbedürftig. Die letzte Woche nicht nur im Tal- und Festivalgeschehen, sondern auch in unserer Unterkunft, aufgrund der Besuche mehrerer guter Freunde, langer Gespräche und diverser Ausschweifungen, das Gefühl von fehlendem Fokus und sozialer Ballung. Jetzt etwas abseits, am Feuer, letzte Gäste. Sie verabschiedeten sich. 

 

DSC_0246

 

Siegfried. Siegfried Mark, präzisester, hingebungs- und liebevollster Dramaturg von Hitze, Dampf und ausgesuchten Essenzen, gab uns vier Freunden dann spätnachts noch die Ehre des Zeremonienmeisters im Saunawagen. In völliger Finsternis, schweigend, saßen wir lange auf den Holzbänken, ich und der Zweifel, der sich nicht zurückhielt, solche Etappen gibt es, und ich ließ ihn sein, dachte hierhin und dorthin, allerhand Versäumnisse, Ansprüche, Phantasmen zogen vorbei, nur das Bachrauschen war zu hören.

Siegfried betrat den Wagen, nur wenig Licht, gerade so viel, dass er seine Kunst ausüben konnte. Es ist mir nicht möglich, zu sagen, wie lang die Runden, drei waren es, sich zogen, die er uns in seiner sanften Strenge angedeihen ließ, und auch sonst kann ich wenig dazu sagen, ohne dem Unrecht zu tun, was sich in mir (uns?) tat, siehe oben. Was ich sagen kann, ist, ich fand mich bald in einem Zustand tiefster attributfreier Versenkung wieder, die Augen durchwegs geschlossen; der Zweifel blieb, aber wir versöhnten uns, und ich hieß ihn, sich zu gedulden, bis ich ihn wieder besser brauchen würde können.

Im eiskalten Flusswasser besiegelten wir nach dem Zeremoniell unsere Übereinkunft.  

 

DSC_0204
Siegfried, unscharf.
Advertisements