Gondoliere

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Samstag, der 8. September. Sonnig und heiß. Ein Wandertag. Die Lesung steht bevor.

Mein Freund Peter begleitet mich. Ich kapere den Drucker im biosphärenpark.haus gegenüber der Talstation der Seilbahn, drucke meine Texte, hänge Ankündigungen in der Talstation und am Kiosk aus.

David-Johannes (Joe) kommt unangekündigt früher, braut uns handgemahlenen Kaffee, ich lese ein paar Minuten laut, vor Peter, in der Sonne hinter den Containern der Seilbahnausstellung. Das muss reichen, finde ich.

Nicht, dass ich oft vorlesen würde. Aber auch bei meinen Konzerten oder beim Auflegen hatte ich immer den Eindruck, dass zu viel Probe dem Auftreten das Unmittelbare nehmen kann. 

 

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David-Johannes „Joe“ Buj Reitze

 

Herbert Bischof, der freundliche, ruhige, wahrscheinlich etwas skeptische Betriebsleiter der Seilbahn, der heute den Schalterdienst versieht, lässt mich und mein Publikum passieren.

Ich fahre etliche Male berg-und talwärts, lese in der Gondel (perfekte Kubatur), stehend, die Zettel in der Hand, lasse mir Zeit – man darf beim Lesen den Wert des Innehaltens nie unterschätzen – lese auf der Bank am Hang neben der Bergstation, schenke den Zuhörern mitgebrachten Schnaps aus, wenn gewünscht (die Leserschaft weiß, welchen), schreibe ihnen bei Nachfrage persönliche Postkarten mit der Webadresse dieser Texte und kleinen Botschaften, mich vorher nach ihren Namen erkundigend. Auf der Vorderseite ein historisches Foto, Schulkinder in ebendieser Seilbahngondel.

Ich verlese mich den Nachmittag über zweimal. 

 

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Peter, die Liechtensteiner Freunde von Joe, Conni Zech und Nadin [sic], Ulli aus Blons, der ich die Höhenangst nehmen kann (!), Annelies und Heinz von der Alpenrose (danke für die „anonyme“ Spende). Ein älteres Paar auf dem Weg zu einer Wanderung bleibt an der Bergstation noch länger in der Nähe stehen und hört sich den Text über Pater Christoph an. Michi höchstselbst, Ross und Patricia, Dominik und Julia, auch Eugen und, mit der letzten Bergfahrt, Dietmar. Wir dürfen noch für zwei Texte oben bleiben und mit dem Maschinisten die letzte Fahrt ins Tal antreten.

Während einer Pause unten ein kleines Mädchen. Sie war auf der Talfahrt durch mich zum Schweigen verurteilt, sieht mich dann im Schatten sitzen, blättern und murmelnd eine Auswahl für die nächste Fahrt treffen. Ich frage nach ihrem Namen. Chantal.

In meiner Lesestimme hebe ich an, eine Geschichte zu erzählen, zum Schein in meine Blätter vertieft, von einem Mädchen, einem schönen Tag mit den Eltern und gegrilltem Essen, einer seltsamen Seilbahnfahrt mit einem seltsamen Mann, der eine seltsame Geschichte vorgelesen und damit das Mädchen angelockt hat, wie es jetzt in Hörweite steht, verlegen an einer Zierpflanze zupft und ihm die Sonne ins Gesicht unter dem Kopftüchlein scheint. Sie lächelt, die Verlegenheit siegt; zurück in den Schutz des elterlichen Tisches.

Ich bin überrascht und freue mich, wenn gelacht wird, am meisten, wenn es nur eine oder einer ist, an der (für mich) richtigen Stelle, und vor allem in Gondeln voller Menschen, die nicht wissen, was sie erwartet, überrascht und freut mich der Schlussapplaus.

Nach einem Nachmittag des Schwebens und Lesens freue ich mich beim Kiosk über Abendsonne und Wein, ganz ohne Überraschung. 

 

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