Inside Joke

Da gab es eine Gruppe, unsere Gruppe, namens AO&. Ein Anagramm aus einem alten Schild des Nahversorgers A&O. Alpha Omega Und; vom Anfang zum Ende und darüber hinaus.

Unsere erste eigenständige große Arbeit, Leben und Sterben in den Bergen, fand 2008 während des Walserherbsts statt; unsere letzte, Aufnahme, 2016 ebendort.

Dieses Jahr waren zwei von uns dreien, Philipp Riccabona und ich, jeweils in ihrem eigenen Namen Teil des Festivals, und Philipp Furtenbach, der dritte und Erste im Bund, verbrachte einige Tage als Freund und Gast an unserer Seite.

Es waren gute Tage. 

 

Daran musste ich denken, als zwei Kleinbusse mit Mitarbeitern des Festivals am Sonntag, dem 9. September, nachmittags von Marul aus über schmale, steile Straßen und Wege weit ins hintere Tal fuhren. Philipp Riccabona und ich waren nach einer langen letzten Nacht unten am Flussufer und kaum Schlaf – wir verbrachten die letzten Nachtstunden zu zweit am Feuer, zurück und nach vorne schauend – mit dem Abbau des unter der ihm eigenen Art beschirmten Refugiums beschäftigt, hatten das Tunnelzelt und all die Decken, Tücher, Planen, Betten, das Geschirr und tausend andere Utensilien versorgt und abtransportiert, und fanden uns jetzt, schweigsam und gähnend, auf dem Weg zur Alpe Oberpartnom, einst Kulisse für den Film über die traumatisierende Lawinenkatastrophe im Jahr 1954, die die Geschichte des Tals bis in die Gegenwart prägt.

 

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Rückbau

 

Der Weg dorthin führt auf den letzten Metern vorbei an der Alpe Klesenza, klein hingewürfelte Hütten in einer Kessellage am Gegenhang, und einige Hundert Meter darüber waren die sechs gestuften Viehunterstände von Spitzegga, ein bemerkenswertes Ensemble, Austragungsort unserer letzten Arbeit im Jahr 2016, klar zu sehen. 

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Auf Oberpartnom angekommen, nahmen wir auf der Terrasse der Breithornhütte Platz, den Blick wieder über das Haupttal, winzig unten der Kirchturm von Sonntag.

Luzia Martin-Gabriel, Bürgermeisterin von Sonntag, Hermann Manahl, Bürgermeister von Raggal, und Willi Müller, Bürgermeister von Thüringerberg, unsere Gastgeber im Namen der Region, nahmen Aufstellung, und Manahl drückte seinen ernstgemeinten und glaubwürdigen Dank für die Arbeit von Festivalleiter Dietmar und uns allen aus.

Wie so oft verwöhnt von nur mehr beiläufig wahrgenommenen panoramischen Superlativen, servierten uns Wirtin Martha und ihre Leute Bier, Wein, Radler, Braten, Knödel, Speckbohnen, Spätzle und Salat, Kaiserschmarren, Strudel, Schnäpse und Kaffee.

Murmeltierpfeifen, rotweiß karierte Bettwäsche auf der Wäschespinne, hinten ein Sessellift. Angenehm plätschernde Gespräche, Rauchen. Um die Ecke Toyota Hilux und Hund, Gruppe Jäger in Tarnkleidung. Ich erfahre, dass es meine Aufgabe gewesen wäre, im Rahmen meiner Aufzeichnungen das Publikum über Wesen und Schauplatz der heutigen letzten Veranstaltung zu informieren. Das sei hiermit passiert – wir blieben unter uns. 

 

Allseits spürbare Gelöstheit. Der allen temporären und intensiven Arbeiten nach deren Ende gemeinsame leise melancholische Grundton. Philipp und ich tauschen über den Tisch manchmal Blicke.

Ein wolkenloser hochalpiner Sonnenuntergang; die zwei Busse holen uns dann wieder ab. 

 

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In unserer Unterkunft angekommen, beginne ich zu schreiben. Ich will mehr. Die anderen beiden gehen ins Bett. Ich trinke weiter, schreibe weiter. Schreibe erst „Eine Versöhnung“, dann „Gondoliere“, über die gestrige Lesung, danach noch diesen Text. Eine finale Trilogie. Es ist gleich drei Uhr früh. Morgen machen wir zu dritt einen letzten Trip auf den Berg, Philipp, Peter und ich. Dann geht jeder wieder seiner Wege.

 

Vom Anfang zum Ende und darüber hinaus. 

 

 

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