Inside Joke

Da gab es eine Gruppe, unsere Gruppe, namens AO&. Ein Anagramm aus einem alten Schild des Nahversorgers A&O. Alpha Omega Und; vom Anfang zum Ende und darüber hinaus.

Unsere erste eigenständige große Arbeit, Leben und Sterben in den Bergen, fand 2008 während des Walserherbsts statt; unsere letzte, Aufnahme, 2016 ebendort.

Dieses Jahr waren zwei von uns dreien, Philipp Riccabona und ich, jeweils in ihrem eigenen Namen Teil des Festivals, und Philipp Furtenbach, der dritte und Erste im Bund, verbrachte einige Tage als Freund und Gast an unserer Seite.

Es waren gute Tage. 

 

Daran musste ich denken, als zwei Kleinbusse mit Mitarbeitern des Festivals am Sonntag, dem 9. September, nachmittags von Marul aus über schmale, steile Straßen und Wege weit ins hintere Tal fuhren. Philipp Riccabona und ich waren nach einer langen letzten Nacht unten am Flussufer und kaum Schlaf – wir verbrachten die letzten Nachtstunden zu zweit am Feuer, zurück und nach vorne schauend – mit dem Abbau des unter der ihm eigenen Art beschirmten Refugiums beschäftigt, hatten das Tunnelzelt und all die Decken, Tücher, Planen, Betten, das Geschirr und tausend andere Utensilien versorgt und abtransportiert, und fanden uns jetzt, schweigsam und gähnend, auf dem Weg zur Alpe Oberpartnom, einst Kulisse für den Film über die traumatisierende Lawinenkatastrophe im Jahr 1954, die die Geschichte des Tals bis in die Gegenwart prägt.

 

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Rückbau

 

Der Weg dorthin führt auf den letzten Metern vorbei an der Alpe Klesenza, klein hingewürfelte Hütten in einer Kessellage am Gegenhang, und einige Hundert Meter darüber waren die sechs gestuften Viehunterstände von Spitzegga, ein bemerkenswertes Ensemble, Austragungsort unserer letzten Arbeit im Jahr 2016, klar zu sehen. 

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Auf Oberpartnom angekommen, nahmen wir auf der Terrasse der Breithornhütte Platz, den Blick wieder über das Haupttal, winzig unten der Kirchturm von Sonntag.

Luzia Martin-Gabriel, Bürgermeisterin von Sonntag, Hermann Manahl, Bürgermeister von Raggal, und Willi Müller, Bürgermeister von Thüringerberg, unsere Gastgeber im Namen der Region, nahmen Aufstellung, und Manahl drückte seinen ernstgemeinten und glaubwürdigen Dank für die Arbeit von Festivalleiter Dietmar und uns allen aus.

Wie so oft verwöhnt von nur mehr beiläufig wahrgenommenen panoramischen Superlativen, servierten uns Wirtin Martha und ihre Leute Bier, Wein, Radler, Braten, Knödel, Speckbohnen, Spätzle und Salat, Kaiserschmarren, Strudel, Schnäpse und Kaffee.

Murmeltierpfeifen, rotweiß karierte Bettwäsche auf der Wäschespinne, hinten ein Sessellift. Angenehm plätschernde Gespräche, Rauchen. Um die Ecke Toyota Hilux und Hund, Gruppe Jäger in Tarnkleidung. Ich erfahre, dass es meine Aufgabe gewesen wäre, im Rahmen meiner Aufzeichnungen das Publikum über Wesen und Schauplatz der heutigen letzten Veranstaltung zu informieren. Das sei hiermit passiert – wir blieben unter uns. 

 

Allseits spürbare Gelöstheit. Der allen temporären und intensiven Arbeiten nach deren Ende gemeinsame leise melancholische Grundton. Philipp und ich tauschen über den Tisch manchmal Blicke.

Ein wolkenloser hochalpiner Sonnenuntergang; die zwei Busse holen uns dann wieder ab. 

 

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In unserer Unterkunft angekommen, beginne ich zu schreiben. Ich will mehr. Die anderen beiden gehen ins Bett. Ich trinke weiter, schreibe weiter. Schreibe erst „Eine Versöhnung“, dann „Gondoliere“, über die gestrige Lesung, danach noch diesen Text. Eine finale Trilogie. Es ist gleich drei Uhr früh. Morgen machen wir zu dritt einen letzten Trip auf den Berg, Philipp, Peter und ich. Dann geht jeder wieder seiner Wege.

 

Vom Anfang zum Ende und darüber hinaus. 

 

 

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Gondoliere

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Samstag, der 8. September. Sonnig und heiß. Ein Wandertag. Die Lesung steht bevor.

Mein Freund Peter begleitet mich. Ich kapere den Drucker im biosphärenpark.haus gegenüber der Talstation der Seilbahn, drucke meine Texte, hänge Ankündigungen in der Talstation und am Kiosk aus.

David-Johannes (Joe) kommt unangekündigt früher, braut uns handgemahlenen Kaffee, ich lese ein paar Minuten laut, vor Peter, in der Sonne hinter den Containern der Seilbahnausstellung. Das muss reichen, finde ich.

Nicht, dass ich oft vorlesen würde. Aber auch bei meinen Konzerten oder beim Auflegen hatte ich immer den Eindruck, dass zu viel Probe dem Auftreten das Unmittelbare nehmen kann. 

 

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David-Johannes „Joe“ Buj Reitze

 

Herbert Bischof, der freundliche, ruhige, wahrscheinlich etwas skeptische Betriebsleiter der Seilbahn, der heute den Schalterdienst versieht, lässt mich und mein Publikum passieren.

Ich fahre etliche Male berg-und talwärts, lese in der Gondel (perfekte Kubatur), stehend, die Zettel in der Hand, lasse mir Zeit – man darf beim Lesen den Wert des Innehaltens nie unterschätzen – lese auf der Bank am Hang neben der Bergstation, schenke den Zuhörern mitgebrachten Schnaps aus, wenn gewünscht (die Leserschaft weiß, welchen), schreibe ihnen bei Nachfrage persönliche Postkarten mit der Webadresse dieser Texte und kleinen Botschaften, mich vorher nach ihren Namen erkundigend. Auf der Vorderseite ein historisches Foto, Schulkinder in ebendieser Seilbahngondel.

Ich verlese mich den Nachmittag über zweimal. 

 

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Peter, die Liechtensteiner Freunde von Joe, Conni Zech und Nadin [sic], Ulli aus Blons, der ich die Höhenangst nehmen kann (!), Annelies und Heinz von der Alpenrose (danke für die „anonyme“ Spende). Ein älteres Paar auf dem Weg zu einer Wanderung bleibt an der Bergstation noch länger in der Nähe stehen und hört sich den Text über Pater Christoph an. Michi höchstselbst, Ross und Patricia, Dominik und Julia, auch Eugen und, mit der letzten Bergfahrt, Dietmar. Wir dürfen noch für zwei Texte oben bleiben und mit dem Maschinisten die letzte Fahrt ins Tal antreten.

Während einer Pause unten ein kleines Mädchen. Sie war auf der Talfahrt durch mich zum Schweigen verurteilt, sieht mich dann im Schatten sitzen, blättern und murmelnd eine Auswahl für die nächste Fahrt treffen. Ich frage nach ihrem Namen. Chantal.

In meiner Lesestimme hebe ich an, eine Geschichte zu erzählen, zum Schein in meine Blätter vertieft, von einem Mädchen, einem schönen Tag mit den Eltern und gegrilltem Essen, einer seltsamen Seilbahnfahrt mit einem seltsamen Mann, der eine seltsame Geschichte vorgelesen und damit das Mädchen angelockt hat, wie es jetzt in Hörweite steht, verlegen an einer Zierpflanze zupft und ihm die Sonne ins Gesicht unter dem Kopftüchlein scheint. Sie lächelt, die Verlegenheit siegt; zurück in den Schutz des elterlichen Tisches.

Ich bin überrascht und freue mich, wenn gelacht wird, am meisten, wenn es nur eine oder einer ist, an der (für mich) richtigen Stelle, und vor allem in Gondeln voller Menschen, die nicht wissen, was sie erwartet, überrascht und freut mich der Schlussapplaus.

Nach einem Nachmittag des Schwebens und Lesens freue ich mich beim Kiosk über Abendsonne und Wein, ganz ohne Überraschung. 

 

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Eine Versöhnung.

Die Nacht von Freitag auf Samstag brachte Zweifel.

In gedanklicher Vorbereitung auf die morgigen Lesefahrten in der Seilbahngondel, und den grundsätzlichen Anspruch einer jeden Chronik betreffend.

Das Wissen um die Tatsache – auch häufig aus meinen eigenen privaten Aufzeichnungen erfahren – dass rückblickend das Wesentliche einer beschriebenen Zeit gerade im Übersehenen und nicht erwähnenswert Scheinenden bestehen kann, dass die Fülle des Erfahrenen ohnehin lächelnd jedem noch so lauteren Versuch einer Beschreibung spottet.

Ich musste mich ermahnen, zum eigenen Eklektizismus und Subjektivismus zu stehen und darauf zu vertrauen, dass sich in jedem der essais meiner Zeit im Tal (hier im Wortsinn gemeint, Versuche) der eine oder andere Satz findet, der den ganzen Textkörper zu tragen vermag.

Nach dem erfahrungsreichen Tag (siehe „Versorgungslinien“) hörte ich am Abend im Festivalzentrum ein Dutzend Moritaten, gesungen von Gilbert Handler und Alexandra Sommerfeld. Er lange Frackschöße, sie dunkelrotes Samtkleid und Pelzstola; Blutrünstiges aus dem Wienerwald und den Bergen im Westen. Wahres und Erfundenes, manieriert und mit Attitüde interpretiert, Trockeneisnebel, vielleicht fünfundzwanzig Menschen an Tischen im Saal. Der vertraute Wiener Dialekt wirkte nach den Wochen im Tal in dieser Konstellation grotesk und fremd auf mich. Eugen Fulterer, Festivalleiter Dietmar Nigschs rechte (und manchmal auch linke) Hand, schnarchte, von ebendiesen Wochen sichtbar erschöpft, zart aus einer hinteren Ecke. Das sagenumwobene Nachtvolk wurde besungen. Ich ging.

Auf der Fahrt an den Fluss, zum Saunawagen, erste Zweifel. Versonnen und rückzugsbedürftig. Die letzte Woche nicht nur im Tal- und Festivalgeschehen, sondern auch in unserer Unterkunft, aufgrund der Besuche mehrerer guter Freunde, langer Gespräche und diverser Ausschweifungen, das Gefühl von fehlendem Fokus und sozialer Ballung. Jetzt etwas abseits, am Feuer, letzte Gäste. Sie verabschiedeten sich. 

 

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Siegfried. Siegfried Mark, präzisester, hingebungs- und liebevollster Dramaturg von Hitze, Dampf und ausgesuchten Essenzen, gab uns vier Freunden dann spätnachts noch die Ehre des Zeremonienmeisters im Saunawagen. In völliger Finsternis, schweigend, saßen wir lange auf den Holzbänken, ich und der Zweifel, der sich nicht zurückhielt, solche Etappen gibt es, und ich ließ ihn sein, dachte hierhin und dorthin, allerhand Versäumnisse, Ansprüche, Phantasmen zogen vorbei, nur das Bachrauschen war zu hören.

Siegfried betrat den Wagen, nur wenig Licht, gerade so viel, dass er seine Kunst ausüben konnte. Es ist mir nicht möglich, zu sagen, wie lang die Runden, drei waren es, sich zogen, die er uns in seiner sanften Strenge angedeihen ließ, und auch sonst kann ich wenig dazu sagen, ohne dem Unrecht zu tun, was sich in mir (uns?) tat, siehe oben. Was ich sagen kann, ist, ich fand mich bald in einem Zustand tiefster attributfreier Versenkung wieder, die Augen durchwegs geschlossen; der Zweifel blieb, aber wir versöhnten uns, und ich hieß ihn, sich zu gedulden, bis ich ihn wieder besser brauchen würde können.

Im eiskalten Flusswasser besiegelten wir nach dem Zeremoniell unsere Übereinkunft.  

 

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Siegfried, unscharf.

Versorgungslinien

Am Morgen des 7. September fahre ich gemeinsam mit Philipp Riccabona durch strömenden Regen zum Vorderlandhus in Röthis, einer offenen Pflegeeinrichtung.

Wir besuchen unangekündigt Maria Kresenzia Dunst, geborene Burtscher. 

 

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Maria, im Tal Marile oder Mary, ist die 85jährige Schwester des verstorbenen Wirts Eugen Burtscher. Als wir 2012 mit der Gruppe AO& dessen Wirtshaus, das Gemsle*, nach langer Überzeugungsarbeit und diplomatischen Finessen für einige Wochen in Betrieb nehmen durften, verbrachte sie die gesamte Zeit an unserer Seite, um uns wie ihn im Auge zu behalten. Ihr anfängliches Misstrauen schlug schnell in Wohlwollen um.

Das Vorderlandhus, viel Holz, große Fenster, ausnehmend freundliches Personal; Bewohner wie Besucher kommen und gehen nach eigenem Ermessen. Der Geruch im Haus Schönbrunn im Wiener Bezirk Meidling, in dem meine Großmutter ihre letzten Lebensjahre verbrachte, eine Mischung aus Desinfektionsmittel, Kantinenküche und dem distinkten Geruch sehr alter Menschen, fehlt hier für mich auffällig.

Maria hat Besuch von ihrer Tochter, beide sind gleichermaßen überrascht. Es gehe ihr gut, sie habe auch den Walserherbst in den Medien verfolgt. Sie schaue wenig fern, nur Nachrichten, und lese viel, vor allem sämtliche Zeitungen und Blätter der Region. Wir lachen uns durch Anekdoten aus der gemeinsamen Zeit. Aus ihrem Fenster sieht sie weit über das Land. 

 

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Maria wird zum Mittagessen gerufen, wir verabschieden uns, und ich habe einen Vorschlag. An der Bundesstraße L193 in Thüringen, in einem Neubau in der Kurve, wo wir während unserer vergangenen Arbeiten im Walsertal schon einige gastronomische Experimente kommen und wieder verschwinden sahen, ohne je eines davon betreten zu haben, befindet sich seit 2014 das indisch-afghanische Restaurant Ariana. Rustikal hölzernes Restsediment erinnert an eines der Vorleben. Der junge Kellner wie der Koch sind herzlich und aufmerksam, die Gaststube momentan halbvoll, das Essen genuin, scharf, überzeugend. Raita, Paneer Pakora, Banarasi Choly und Bhindi Masala, Reis, Naan mit Butter und Sesam.

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Über Tobias Martes Fri-Ma Biohof in Ludesch, eine weitere Ausnahmeerscheinung in der Gegend – herausragende Ernte von den eigenen Feldern, für Philipp Riccabonas Verpflegung der Besucher am Fluss – und Aufstocken der Kaffee- und Tabakkontingente fahren wir zurück ins Tal. Das Fahrzeug muss zur Walser E-Mobil-Schau in Blons. Ich parke so, dass man die Spritzer an den Karosserieseiten möglichst nicht sofort entdeckt, und bin nur kurz gestrandet.

Das nahegelegene Gasthaus Falva, meistens geschlossen, richtet heute einen Italienischen Abend aus – all you can eat-Buffet, etliche alte Bekannte aus dem Tal. Ich werde als der Chronist erkannt. Mit meinen Notizen und dem Laptop breite ich mich im Nebenraum aus, an der Glasfront mit dem wie so oft verschwenderisch opulenten Blick, man zeigt mir die Steckdose im Boden und bringt sauren Radler. Aus dem Speisesaal tönen Gespräche, Besteck, Gläser, Ramazzotti, Celentano. Es wird langsam dunkel. 

 

* Mehr zu Geschichte und Lage unter http://www.walserherbst.at/wh_archiv_2012/ao.html im untersten Abschnitt, missing gemsle. 

 

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Schreiben der privaten Chronik 2012 im Gemsle. Foto von Markus Gohm

 

 

Gemeinsam sind wir schwach

[Ein trockener Text.]

Die Stimmung gefestigt vom makellosen Herbsttag, inklusive einer Fahrt nach Fontanella, um an der Bushaltestelle die jüngst entstandenen Texte auszuhängen, begebe ich mich mit leicht angezogenen Schultern – im diffusen Wissen, was mich erwartet – am frühen Abend ins Festivalzentrum. Andreas Pichlers Dokumentarfilm „Das System Milch“ wird gezeigt. Die internationale Milchwirtschaft an diversen exemplarischen Betrieben. Überzüchtung, Gülleseen, Soja auf endlosen abgeholzten Regenwaldflächen, Überproduktion und Preisdruck, Überflutung Afrikas mit Milchpulverprodukten, Zerstörung der dortigen Landwirtschaft. Ich verzichte darauf, Details wiederzugeben, obwohl hierzu noch Vieles zu erzählen wäre. Trotz einer gewissen Vertrautheit mit dem tatsächlich gelebten bäuerlichen Alltag zum einen und den Auswüchsen der Agrarindustrie zum anderen schlagen sich die Bilder körperlich nieder. Der Auftritt von Bauern und Senn Alexander Agethle aus Mals im Vinschgau ist die Minimaleinheit Hoffnung, die einen den Film ohne Folgeschäden überstehen lässt. 

 

Danach findet ein von Josef Türtschers Tochter Eva-Maria moderiertes Gespräch statt. Bauer und Bürgermeister Hermann Manahl, ein junger Milchbauer aus dem Lungau, eine Dame vom Biosphärenpark Lungau, Gerhard Frei, seines Zeichens Geschäftsführer des Milchkonzerns Emmi Österreich, und Christine Klenovec vom hiesigen Biosphärenpark. Die Lungauer Delegation gewinnend und ehrlich. Das Gespräch insgesamt, vielleicht auch mit der Last des Films im Rücken, etwas verhalten und konziliant – man scheint bemüht, klarzustellen, dass die lokale Milcherzeugung und Verarbeitung nichts mit dem Gesehenen zu tun habe, allen voran Frei. Ich verzichte wiederum auf die Wiedergabe von Details. 

 

Als sich das Gespräch für das Publikum öffnet, meldet sich Erik Schmid, Amtstierarzt, zu Wort. Drei Dinge legt er nahe. Den Verzicht auf Kraftfutter (in einem Artikel über oben erwähnten Alexander Agethle war zu lesen, dass die an Rinder weltweit verfütterte Getreidemenge fünf Milliarden Menschen ernähren könnte), die Abkehr vom genetischen Einheitsbrei in der Zucht (prädominant das Holsteinrind) und der Verzicht auf Enthornung. Aus irgendeinem Grund die einzige mit Applaus bedachte Wortmeldung des Abends. Als daraufhin die Frage auftrat, ob die Kuh Hörner brauche, meldete sich Schmid noch einmal zu Wort; es gehe nicht darum, ob sie sie brauche, sie habe welche. Die Grundfrage sei: passt man die Tiere den Systemen an, oder die Systeme den Tieren? 

 

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Holsteinrind. Wikipedia.

 

Einige Bauern aus dem Tal ergreifen das Wort, lamentieren die Repräsentation ihrer Zunft in den Medien, ziehen den Sinn der Rückkehr zu hiesigen Rassen in Zweifel, bekennen sich einhellig zu ihrer Liebe zu Tier und Stall. Alles endet mit einer heiteren Meldung von Hermann Manahl.

 

Beim Aufbruch bleibt die generelle Frage, die sich angesichts der Art und Weise, wie wir „Wirtschaft“ treiben, häufig stellt und wohl noch häufiger stellen wird.

Wohin mit der Beklommenheit aufgrund der Tatsache, dass ein radikaler, liebevoller Visionär (nochmals exemplarisch Agethle) immer als weltfremder Idealist disqualifiziert und von den Mutloseren und den Relativisten, oft ohne jede böswillige Absicht, auch in seiner Praxis zurückgehalten wird? 

 

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Der Korpus wächst aus dem Rahmen.
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Wo Raummeter ungefähr gleich Festmeter ist.
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Open Office

Vesper

Man könnte an einem Abend Anfang September mit vier Anderen den Siebensitzer nehmen, vom Haus in der unteren Litze aus Richtung Sonntag fahren, fast geräuschlos, dann hangaufwärts Richtung Türtsch, immer weiter nach oben, bis man für die Weiterfahrt ohne Berechtigungsschein mit über 700 Euro Verwaltungsstrafe bedroht wird, dort parken und nordwärts einen Forstweg nehmen, weiter in das steile Seitental, um Kurven und Kurven unter alten Laub- und Nadelbäumen, bis sich der Wald kurz lichtet.

Feuchte Wiesen mit sanften Kuppeln, Herbstzeitlosen, einzelne Bäume, die Hänge so steil, dass man sich fragt, wie selbst mit den tiefliegenden Motormähern hier noch gearbeitet werden kann, da könnte man sich schwer atmend und schweigend den Hang emporarbeiten, fünf Punkte, und sich an einer flacheren Stelle, immer noch ernüchternd steil, hinsetzen und die harte Zeichnung des Gegenhangs in sich aufnehmen, weit unten den Bach, der das Tal gegraben hat, und oben eine Alpe, weiter taleinwärts, die wirkt, als wäre sie vielleicht seit Jahrhunderten vom Rest der Zivilisation abgeschnitten.

Man könnte mit geschärfter Wahrnehmung dem Lichtwechsel folgen, den Wolken, im hintersten Tal Richtung Faschina ist es noch heller, könnte schweigen, lachen, Wasser und Schnaps aus den Glasflaschen trinken und Erhabenheit wie Bedrohlichkeit dieses vertikalen Ensembles ihre Wirkung tun lassen.

In der späten Dämmerung ist dann möglicherweise ein einzelner Schuss zu hören, der lange nachhallt, und der Lichtkegel eines Autos schiebt sich schleichend auf die beiden Hüttengruppen der Alpe zu, mit den jetzt brennenden Glühbirnen wie ein Augenpaar unter der Kapuze des spitzen Gipfels.

Der Abstieg über den Steilhang im letzten Restlicht gestaltet sich vielleicht leichter als angenommen; kann sein, dass sich die Tragweite der eigenen Existenz an der ehrfurchtgebietenden Umgebung relativiert hat. Am Rand des dunklen Waldwegs könnte dann ein Spalier für ein Geländefahrzeug der Bergrettung gebildet werden, dem sich von innen wohl ein sonderbares Bild böte.

Auf der Rückfahrt nach unten könnte man ein Lied hören, nur das eine, weil sich das einer der Mitreisenden, vorne auf dem shotgun seat, so wünscht, es könnte Bells & Circles von Underworld und Iggy Pop sein. Flügel haben. 

 

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Gold, Berg, Variationen

I.

Am frühen Abend des 19. August, nach der Taufe des Euterballons und der Performance von Nick Steur, schraube ich mich mit den Festivalmitarbeitern Julia und Dominik die Bergstraße nach oben, vorbei an Fontanella und dem Faschinajoch, zur Kirche von Damüls. 313 Einwohner, 109 Pistenkilometer, „schneereichstes Dorf der Welt“.

Über der Nebeldecke im Tal, letzte Strahlen Abendsonne.

Vor dem Portal treffe ich Hildegard Bischof, sie mustert meine Jogginghose. Ich äußere die Vermutung, dass diese einen Herrgott eher nicht beschäftige, woraufhin sie einen Blick auf die Umstehenden wirft und meint, „dem isch es wohl am eheschta gliich“.

Die um 1500 entstandenen Fresken zeigen die Passion Christi, an der linken Wand ein Pestaltar.

Vor dem Altar der voll besetzten Kirche nehmen sieben Männer in Hüten Stellung, I Cantori da Vermèil. Seit Jahrhunderten mündlich und notenfrei tradierte Mehrstimmigkeit aus dem Trentino, aus voller Brust gesungen, Kirchliches – Totenmessen, Rosenkränze, dann Bergmanns-, Eisenbahner- und Fischerlieder, tragische Liebesgeschichten. Ernst und Humor.

Die polyphonen Vibrationen resonieren derartig berückend durch das Langhaus, dass meine Augen eine gute Stunde lang fast durchwegs geschlossen bleiben. Ornamentfreie, fraglose Erhabenheit.

Danach begibt man sich ins Foyer des Viersterners Mittagspitze. Die Sänger trinken Bier und singen jetzt ihre Trinklieder, nicht minder komplex und mächtig. Ich trinke ein Glas erbarmungswürdigen roten Hauswein, etwas abseits lehnend, und höre zu. Meine Mitfahrgelegenheit hat mich vergessen. Ich entdecke Theresia Bickel aus Sankt Gerold, die sich meiner annimmt.

Heimweg.

 

II.

Erster September, Samstag. Lange Musiknacht.

Drei Delegationen von je einem Dutzend Jodlern vereinigen sich nach jeweils mehrtägigen Wanderungen durch ganz Vorarlberg mit den Teilnehmern der Radix Musikwerkstatt. Um 20 Uhr versammelt man sich im Festivalzentrum zu einem einleitenden Stück mit Tanz, um dann für zwei Stunden an fünf verschiedene Orte unter verschiedenen Ägiden auszuschwärmen, woraufhin sich die Menge wieder in das Festivalzentrum zusammenziehen wird.

Schon auf dem Weg zum Auftakt im ganzen Ort Autos und Gruppen von Menschen, teils singend oder kurz jodelnd, gemeinsame Tonlagen suchend und findend, andere mit allen Arten von Instrumentenkoffern bepackt.

Es ist fast dunkel, hat zwei Tage lang geregnet, und dichter Nebel hängt im Tal. Die Kapuzenfiguren entlang der Straße und der erratische Schall hangauf- und abwärts durch den Nebel erzeugen eine schwer zu fassende Stimmung. 

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Das Festivalzentrum ist voll, der Paartanz am Anfang ausgelassen und chaotisch heiter. Ich entscheide mich danach für das Gasthaus Krone, wo der Finne Antti Järvelä mit der Streicherfraktion der Musikwerkstatt in der hinteren Stube spielt – Finnisches, Estnisches, Eigenkompositionen, alternierend mit einer der Jodelgruppen, die sich zuvor noch draußen am Friedhof eingestimmt hat. Antti hat menschlich wie musikalisch Witz und Leidenschaft, und deren beider Wirkung überträgt sich sichtlich auf die Musiker. Auf seinem T-Shirt ist „Stay weird“ zu lesen. 

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Stay weird.

 

Dann weiter durch den Nebel, zum Wanderkiosk. Hinter dem Tresen steht Joe, der Liechtensteiner mit dem Lachen, das Kulturerbe sein sollte, und spendiert Meisterwurzschnaps von Konrad Burtscher. Man müsse ihn trinken, um nicht krank zu werden – danach sei es zu spät, so Konrad unlängst. Ich halte mich an seine Empfehlung.

Auf der anderen Straßenseite, im biosphärenpark.haus, eine weitere Station der Musiknacht. Der vordere Bereich ist voll mit Menschen, das Bild hat etwas für dieses Gebäude ungewohnt Festliches. Ich unterhalte mich am Eingang ein wenig mit Monika „Bio-Moni“ Bischof vom Biosphärenparkbüro, Hildegards Tochter, und kaue währenddessen gedankenverloren einen Zweig Thymian aus dem Ziertopf neben der Tür.

Von innen Bläserklänge, Applaus, Gelächter.

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III.

Das dritte Elektroauto, am Freitag Vormittag in Empfang genommen, ist ein siebensitziger Nissan e-NV200. Nach einigen Wochen im Tal sind Autofahrten, wie zum Beispiel nach Bludenz, um jemanden am Bahnhof abzuholen, eine gute Gelegenheit, die eingebrannten Silhouetten der äußeren und inneren Bergketten kurz aufzulockern.

Und manchmal bemühe ich bei kürzeren Strecken im Tal mittlerweile USB-Slot und passable Anlage des Nissan, um die Gemütskulisse zu wechseln. Der eigentlich unbeabsichtigt mitgereiste USB-Stick enthält einige Folder mit Rap.

Probates Mittel für die gesuchte Brechung der alpin-ruralen Befindlichkeit. 

 

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