Gott und die Welt

Donnerstag, 30. August, 9 Uhr 30, Nebel, Regen.

Dank seiner exzellenten Wegbeschreibung ist das Wohnhaus im unteren Teil von Blons, in dem Pater Christoph lebt, leicht zu finden. Schild „Frisur Pur“, „am Trampolin vorbei“, „großes Wegkreuz“, parken, „Treppe hoch – und Willkommen!“

Christoph hustet trocken. Der Pater ist krank. Es scheint ihm nichts auszumachen. Wir einigen uns auf Tee. Er vergisst den Deckel, was den Wasserkocher zum Luftbefeuchter macht. Wahrscheinlich gut so.

Christoph Müller, groß, drahtig, Anfang siebzig, freundlicher, intelligenter Blick, wuchs in Zürich mit drei Geschwistern auf. Die Mutter starb früh. Als Kind war er fasziniert von Natur und Verhaltensforschung, Konrad Lorenz, Ornithologie.

Er ministrierte als Einziger in der Familie.

Der zoologische Garten Zürichs, das Interesse an Zoologie und Naturwissenschaft war sein Weg in das Gymnasium des Benediktinerklosters Einsiedeln, das er 1968 abschloss.

Er maturierte als Einziger in der Familie.

Während der Schulzeit lernte er die Mönche kennen, wurde einer von ihnen und unterrichtete nach dem Studium der Romanistik – Biologie war bereits von einem Mitbruder belegt – 25 Jahre lang Latein in Einsiedeln, bis er dann nach Sankt Gerold im Großen Walsertal kam. Die Propstei Sankt Gerold ist geistlicher Besitz der Benediktiner von Einsiedeln, und Pater Christoph wurde Priester der Pfarrgemeinden Sankt Gerold, Blons und Thüringerberg. Er bewältigt bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit alle nötigen Strecken mit seinem Fahrrad. Es seien für ihn Momente der Freiheit. 

 

Wir steigen ohne Umschweife ins Metaphysische ein. Im Folgenden der Versuch, einige Themen aus der Erinnerung und spärlichen Notizen wiederzugeben. Ich habe mich für unser Treffen bewusst gegen eine Audioaufnahme entschieden.

Kurz rekapituliere ich meine eigene römisch-katholische Sozialisation – ein nahtloser Übergang zu meiner Frage nach der impliziten Starrheit von Offenbarungsreligionen. Christoph erwähnt darauf als Beispiel die alttestamentarische Regel, Flachs und Wolle (Pflanze und Tier) in Geweben nicht zu mischen, verwirft Derartiges und verweist, wie einige Male während des Gesprächs, auf Jesus – Reinheit sei nicht im Befolgen von Regelwerken, sondern im Inneren zu suchen und finden.

Das führt uns zu Formen der Askese, ursprünglich „Arbeit an sich selbst“, von den körperlichen Exerzitien der griechischen Athleten entlehnt. Kasteiung als Selbstzweck sei abzulehnen, das Freiwerden von Potential für andere Bereiche anzustreben. So auch bezüglich des Zölibats, der aus der Überlieferung nur Empfehlungscharakter habe. Christoph meint, es gebe für ihn keine Berufung zum Zölibat, aber „eine gewisse Liebe zu dieser Lebensform“. [Jesus äußerte zum Zölibat, ohne die Lebensform seinen Nachfolgern aufzuzwingen, die einladenden Worte: Wer es fassen kann, der fasse es.“ *]

Wäre er nicht in den Orden eingetreten, wäre er wohl Biologe geworden und hätte eine Familie gegründet, sagt er. Die andere Erwägung sei damals gewesen, sich den Petits Frères de Jésus, den Kleinen Brüdern Jesu, anzuschließen, einer urchristlichen Arbeiterpriesterbewegung aus Frankreich, die die ersten dreißig Jahre Jesu nachleben wollen und als Gleiche unter Industriearbeitern, Müllmännern etc. tätig sind, „kontemplativ mitten unter Menschen“. „In Höhlen wohnte ein Besessener“, der, geheilt, Jesus folgen möchte, aber in seine Gemeinschaft zurückgeschickt wird.

Christoph zitiert Johannes, der über Jesus sagte, „er wusste, was im Menschen ist“, und meint damit, im Guten wie im Schlechten. Vergebung sei „immer möglich“; in der ursprünglichen Gefolgschaft Jesu [Mönchsväter, nicht Apostel *] seien einige geläuterte Schwerverbrecher, Mörder und andere Verirrte gewesen, die aufgrund ihrer Erfahrungen mehr über das Wesen des Menschseins gewusst hätten als blind hörige Adepten.

Dem Verlorenen Sohn, der von sich aus zum Vater zurückkehrt, stellt er ein Bild von 99 Schafen gegenüber, die dem Hirten folgen, und einem, das sich sich im Gestrüpp verfangen hat, woraufhin der Hirt („vertrauensvoll, vielleicht leichtsinnig“) die Herde sich selbst überlässt, um das eine verloren gegangene Schaf suchen zu gehen.

Wir sprechen über Mystik, Gnosis und andere Religionen. Christoph erwähnt ein Buch namens „Nahe der Nabe des Rades“ [Hrsg. M. Kämpchen, G. Sartory] – je mehr sich die einzelnen Speichen der Mitte nähern, desto näher kommen sie sich auch gegenseitig. 

Papst Franziskus, den Christoph schlicht Bergoglio nennt, sei übrigens früher so streng und autoritär gewesen, dass ihm zeitweise der Kontakt zu seinen Mitbrüdern verboten wurde. [Vieles in Tun und Denken des Papstes ist vor diesem biographischen Hintergrund besser verständlich.“ *]

Auch zu Frauenordination (kindisch: muss an Gynäkologie denken, schmunzle unwillkürlich) und Priesteramt allgemein hat Christoph eine pragmatische Sicht. Er zitiert wieder Jesus, „wenn zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind“. Mehr brauche es nicht. 

[„Absoluten Vorrang im Sinne Jesus hat die Verkündigung der Frohen Botschaft mit allem, was dazu gehört (z.B. Sakramente). Wem das anvertraut wird und auf welche Weise, das hat sich im Laufe der Zeit, teils schon in der Urkirche, geändert und muss sich weiter ändern. Weil die Kirche aber weltweit zu Hause ist, soll das klug und umsichtig geschehen.“ *]

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Pater Christoph mit zweien seiner Bücher. Er schenkt sie mir.

 

2010 waren wir als Gruppe AO& im Rahmen unserer „Studien zur Gastfreundschaft“ auch im Pfarrheim von Blons bei ihm zu Gast. Immer wieder hört man im Tal, dass er dieses Haus, eines der schönsten im Ort, einer syrisch-kurdischen Familie mit fünf Kindern überlassen hat, um in die schmucklose kleine Wohnung zu ziehen, in der wir jetzt am Küchentisch sitzen, neben einem Schüsselchen Kaiser Bimenthol.

Ich behaupte, etwas dreist, dass das für einen Christen eher selbstverständlich als erwähnenswert sein sollte. Er ist völlig einverstanden. Das große Haus sei auch umständlich zu putzen gewesen, lacht er.

Er mag zwar Tennis (Federer), hat aber keinen Fernseher, trinkt kaum bis keinen Alkohol und hat selbst nie eine Art von Chronik geführt. Was hinter ihm ist, lässt er ziehen, sagt er.

Christoph hat nicht nur den Deckel, sondern auch den Tee, den er schließlich aufgegossen hat, vergessen. Wir trinken ihn dann gegen Ende unseres Gesprächs lauwarm, was weder ihn noch mich stört. 

* Nachträglich von Pater Christoph ergänzt.

 

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Perspektivenwechsel. Auch erzählerisch.

Am Mittwoch, dem 29. August, wache ich mit leichten Kopfschmerzen auf. Es ist heiß, unter Wolkenschleiern. Nach einem frugalen Frühstück und einem Kurzbesuch im Festivalbüro hänge ich an den Anschlagtafeln zweier Dörfer neue Texte aus.

Danach fahre ich, mich auf den gutmütigen Geschäftsleiter Gebi Burtscher berufend, mit meiner zukünftigen Lesungsstätte, der Gondel der Seilbahn Sonntag-Stein, auf die Bergstation. In der Kabine Schwäbisch, Vorarlbergerisch, Schwyzerdütsch. Ich senke den Altersschnitt beträchtlich.

An der tiefsten Stelle liegen wohl einige Hundert Meter Luft unter uns, darunter das Schotterbett der Lutz. Unwillkürliche Überlegungen zu Materialermüdung und Verkettungen unglücklicher Umstände drängen sich auf.

Angekommen, nehme ich umsäumt von Geranien auf der Panoramaterrasse Platz und notiere ein paar Zeilen meiner privaten Chronik. (Öffentlichkeitstaugliche Auszüge möglicherweise im Zuge der Gondellesungen.) Ich bestelle Soda Zitron und einen Teller Pommes Frites, der mir wenig bekommt. Radio Ö3 und mehr Schwäbisch; die freundliche Kellnerin hat einen slawischen Akzent. Atemberaubende Sicht, blauer Himmel, Kitschverdacht.

Dann breche ich auf und marschiere eine zügige halbe Stunde zur sogenannten Echowand, wo ich schon von Weitem mehrstimmigen Gesang hören kann. Tatsächlich steht auf der Plattform eine Gruppe deutscher Wanderer, die sich bergan die Gondel mit mir teilten, und besingt den Gegenhang. Ich werde danach entdeckt und zur Lesung befragt; man hat die Konversation am Schalter der Talstation mitgehört. Die Damen und Herren sind talerfahren, und das Gespräch mäandert über kirchliche Feiertage und Essen im Tal zu Schwefelbad und Saunawagen. Freundlicher Abschied.

Zurück zur Bergstation und wieder ins Tal. 

 

 

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Neben dem Wanderkiosk des Festivals, am blauen Doppelcontainer, der die Ausstellung zu 50 Jahren Seilbahn beherbergt, sitzt Clown Martha, Martha Labil, in einem blauen, weißgepunkteten Kleid und rotem Hütchen. Sie ist etwas blass, und auf ihrem Schoß steht ein Tablett mit einer Kanne Tee. Sie sei matt, habe etwas Fieber. Der Clown ist krank.

Seit anderthalb Wochen bewegt sich Martha durch das Tal. Wir kennen uns seit ihrem plötzlichen wie denkwürdigen Erscheinen in der gut gefüllten Stube des Gasthauses Gemsle, das wir mit der Gruppe AO& im Jahr 2012 für einige Wochen wieder zum Leben erweckten. Ich erinnere mich unter anderem an kopfstehendes Ziehharmonikaspiel im Herrgottswinkel.

Letzten Donnerstag begleitete ich ihr Bach-Bett Wandertheater entlang der Lutz.

Martha ist seit etwa zwanzig Jahren „Performerin, Akrobatin, Clown und einiges“, wie ich unlängst behauptete. Obwohl sie sich etlicher Elemente der vielleicht klassischen Clownerie bedient – Kostümierung, Schminke, kleine Tricks, Musik, immer ein Rudel Kinder hinter sich – spielt sie nicht angestrengt eine Rolle, sondern überrascht aus dem Nahbaren, ist als sie selbst zugleich spürbar. Das mit Clowns gemeinhin assoziierte Groteske, Überzeichnete, der Slapstick, sind hier höchstens sanft angedeutete und immer wieder gebrochene Methoden.

Wie sie mit der Aufmerksamkeit der Kinder, aber eben gerade der Erwachsenen spielt und sich weder auf die private Person noch auf die etablierte Clownrolle festlegt, erinnert sie mich in gewisser Weise an die künstliche, sich aber doch völlig natürlich einstellende Veränderung der Wahrnehmung durch die Arbeit des Performers Nick Steur (cf. „Perzeptive Äquilibristik“).

Die letzten Tage sah man sie mit einem riesigen roten Gummiball, aufs Dach ihres alten Kombis gefesselt, durch das Tal fahren, die „ruhige Kugel“. Sie tanzte am Trachtenfest, besuchte Bekannte, saß im Saunawagen und an Stammtischen.

Als sie sich vom Kiosk verabschiedet, nimmt sie das Tablett mit Tasse und Kanne, balanciert es auf ihrem Kopf und schreitet langsam und vorsichtig, an Tischen mit Wanderern vorbei, Richtung Hauptstraße, um das Geschirr auf der anderen Seite zurückzubringen. Ein älterer Herr hält den Verkehr für sie auf, sie verzieht keine Miene, lässt sich die Zeit, die sie braucht. Lächeln, auch Kopfschütteln. Ein kleiner Applaus.

Die folgende Anekdote wird in Alan Moores exzellenter Novelle Watchmen (1986) über den fiktiven Clown Pagliacci erzählt; auch dem legendären französischen Clown Grock (1880 – 1959) wird sie angedichtet. Hier die Variante über Clown und Pantomimen Joseph Grimaldi (1778 – 1837). 

 

It is said of Grimaldi that he felt his work so keenly that as soon as his performance was over, he retired to a corner and wept profusely. Here was a man of tender heart and generous impulses.

There is a story about him which has been handed down by many generations of clowns. It goes on to say that once Grimaldi became very ill and despondent. He went to consult a great London specialist. He looked him over and then remarked: 

„Go to see Grimaldi, and laugh yourself well.“

The clown looked at him sadly and replied:

„I am Grimaldi.“ 

 

 

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Drei Varianten vertikaler Fortbewegung.
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Schneekanonen im Sommerschlaf.
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Colour codes.

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Random Acts of Kindness

Sonntag Nachmittag, an der Hauptstraße im Ortsteil Türtsch, am Weg Richtung Sonntag, eine Frau mittleren Alters, fragende Geste. Anhalten, sie steigt zu. Sie möchte zum Sportplatz, wo dieses Wochenende das Zeltfest des Trachtenvereins stattfindet, hat zuhause ihre Tracht gegen Jeans und T-Shirt getauscht und das Auto stehenlassen. Spontane Planänderung.

Also kommt sie in Chronistenbegleitung dort an, was einige neugierige bis prüfende Blicke zur Folge hat. Auf der Hauptbühne spielt eine dreiköpfige Band. Proud Mary, Schifoahn und Derartiges. Publikum in Tracht und zivil. Einige tanzen, manche auch auf den Bänken. Bonkassa, Getränke, Essen, draußen Hüpfburg. Schießbude hinten neben den Toiletten und, Entdeckung nach dem ersten Bier, kleineres Nebenzelt, Jugend, Michael Jackson.

Bekannte Gesichter – Pirmin und Linda, Ernst und Ilga mit Tochter Susanne. Josef Türtscher, man einigt sich darauf, dass die Bregenzerwälder Frauentracht und die Walser Männertracht jeweils die schönere sei. Achtel Rot von und mit Pirmin. Einige Fotos, diskret.

Danach Fahrt ans Lutzufer zum Saunawagen, wo es das derzeit beste Essen im Tal gibt, von Philipp Riccabona auf Feuer gekocht. Freundlich und stärkend, wie die Sonnenstrahlen, nach dem Temperatursturz und Dauerregen der letzten Tage.

Um 19 Uhr in die Kirche von Marul zu einem Solokonzert von Maria Craffonara. Gesang (englisch, ladinisch, deutsch, italienisch), Synthesizer, Violine, Kalimba. Sehr gut besucht. Beobachtet von der Orgelbank auf der Empore aus. Etwas salbungsvoll und verschnörkelt, deshalb nach einer halben Stunde den walk of shame ins Freie angetreten, durch die bestuhlte Empore, die Wendeltreppe hinunter und den Hauptgang entlang. Die schwere Kirchentür äußerst vorsichtig von außen einschnappen lassen.

Eingangs erzählt Craffonara nicht nur von ihrer Autopanne und der raschen Hilfe durch den ÖAMTC, sondern auch von der Mautstelle am Arlberg. Die abgezählte Summe in Händen, hieß es aus dem Mauthäuschen, die Dame vor ihr habe bereits für sie bezahlt. 

 

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Pirmin und Linda

Von der Schwierigkeit, eine Podiumsdiskussion zu beschreiben, ohne dabei polemisch zu werden. Und ein Mittagessen.

Samstag, 25. August, 18 Uhr, Alte Frächterei Burtscher, Thüringerberg.

The Great Valley – Visionen für das Große Walsertal.

Achtzehn Studenten aus dreizehn Ländern, darunter Ägypten, Liechtenstein, Mexiko und Nigeria, entwarfen über ein Semester verschiedene Szenarien für mögliche Zukunft.

Ein beeindruckendes, in Schichten lasergeschnittenes und händisch zusammengefügtes dreidimensionales Kartonmodell des Tals im Maßstab 1 : 20.000, von einem überkopf montierten Projektor mit wechselnden informativen Flächen bestrahlt und vom Walserherbst Festival angekauft, bildet den Mittelpunkt des Raums.

Die zahlreichen Gäste erweisen sich zu etwa gleichen Teilen als Walser und Nichtwalser.

 

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Druckreif, weil Berlinerin, von Anne Brandl, Professorin für Architektur und Raumentwicklung moderiert, reden außerdem Martin Mackowitz, der mit ihr die Lehrveranstaltung leitete, Geli Salzmann, Stadtplanerin und Architektin, Markus Berchthold-Domig, Raumplaner, und Dietmar Nigsch, Festivalleiter und gebürtiger Walser. Gegen Ende der Veranstaltung kommt auch einer der zwei anwesenden Studenten kurz zu Wort.

Mangelndes Bewusstsein und Selbstbewusstsein der Walser sowie die Notwendigkeit, vorbeugend Position zu beziehen, werden konstatiert. Siedlungsentwicklung, Mobilitätsfrage und kulturelle Identität angesprochen. „Resilienz“ wird strapaziert. (En vogue. Alpbach.) Der Korpus des Biosphärenparks finde große Akzeptanz, werde aber nicht sinnvoll als Instrument der Talschaft genutzt. Der Tourismus müsse sanft, die Landwirtschaft kleinteilig sein, Produkte aus dem Tal besser vermarktet und zeitgemäße Gastronomie betrieben werden. Die Jungen sollten eingebunden und Absiedlung vorgebeugt werden.

Vor bald zehn Jahren nahm der Chronist als Mitglied der Gruppe AO& an einem sogenannten Bürgerrat teil. Obige Schlüsse wurden bereits damals, teils sogar wortgleich, gezogen. 

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Ein Teil der gewissenhaft geführten Mitschrift

 

Am Vortag hat sich der Chronist geschickt bei August und Conni Bickel in Blons zum Mittagessen eingeladen. 12 Uhr, Käsknöpfle, Erdäpfelsalat. Vorher Leihfahrzeugwechsel mit Sohn Dominik (nahe Bludenz, Elektro-Golf gegen Renault Zoe. Downgrade), am Rückweg seine Freundin Julia im Walserherbstbüro abgeholt. Beide arbeiten für das Festival. Clownfrau Martha ist ebenfalls Tischgast. Die Papierservietten lesen „Schön, dass ihr da seid“.

Als Letzter erscheint Dominiks Bruder Nikolai. Softwareentwickler, in England studiert, arbeitet im Nachbarhaus bei der Firma Teslab. Wir kommen auf Gründer Otmar Ganahl (mit Frau Maria beim damaligen Bürgerrat wie bei obiger Podiumsdiskussion anwesend) zu sprechen. Er hatte vor fünfzehn Jahren die Idee, nach dem Vorbild der Seilbahn-, Wasser- und Straßengenossenschaften entlegener Bergdörfer gemeinschaftlich finanziert Glasfaserkabel nach Blons verlegen zu lassen.

Alle acht Beschäftigten leben in unmittelbarer Nähe.

Das Essen ist hervorragend. Danach traditionell ein Schnaps, dann Kaffee.

Perzeptive Äquilibristik

Sonntag, 19. August. Frühmorgens der Jungfernflug des Ballons. Am Nachmittag im Festivalzentrum eine Performance des niederländischen Künstlers Nick Steur.

Zu Fuß von Garsella nach Sonntag, etwa eine Stunde. Eine vermeintliche Abkürzung, vom Luftbild in die Irre geführt – steile, brusthohe Streuwiesen, Unterholz, kraftvolle Gebirgssonne, Flucht vor Erdwespen. Von einem heftigen Regenguss auf den letzten paar hundert Metern geläutert und demütig um 16 Uhr Ankunft im Gemeindesaal, dem Festivalzentrum.

Der Künstler, Locken, Bart, Mitte dreißig, in Blaumann und Stahlkappenschuhen, weist sofort an, den Raum wieder zu verlassen. Man wartet geduldig vor der Tür, etwa zwei Dutzend Menschen vor Ort. Nach einiger Zeit erscheint er und erteilt einige Instruktionen. Keine Kleinkinder, keine Fotos, keine Videos, die Telefone ausschalten, schweigen, sich vorsichtig, aber frei im Raum bewegen, Dauer sechzig bis achtzig Minuten. Auch wenn der Chronist im Zuge seiner eigenen künstlerischen Tätigkeiten teils strenge Forderungen an das jeweilige Publikum stellte, kann er nicht umhin, den Verlauf der letzten Stunden als Prüfung der Gelassenheit zu empfinden.

Unter dem ersten lautstarken Donnern eines nahenden Gewitters betreten alle Anwesenden den Saal. Auf einer Länge von etwa zehn Metern eine Bahn von Eisenplatten am Boden, darauf stehend hohle Metallsäulen verschiedener Höhen, mit quadratischem Querschnitt, an den Breiten jeweils ein starker Scheinwerfer. Das Publikum bildet einen Kreis um das Arrangement, stehend und auf wenigen Stühlen sitzend. Auf den Fensterbänken liegen insgesamt 88 vom Künstler heute Vormittag im Bachbett der Lutz ausgesuchte Steine verschiedenster Größen und Formen.

Der Künstler sucht sich zwei der Steine aus, tritt an eine der Säulen und balanciert sie unter mehreren Rotationen und Positionsversuchen schließlich aufeinander.

Wortlos, mit einem ausgestrecktem Arm, ersucht er die Anwesenden, ihm einen oder zwei weitere Steine zu reichen. Wenn diese letztlich eine stabile Lage gefunden haben, hält er die Hände in geringem Abstand noch schützend darum und entfernt sich dann vorsichtig von der Metallplatte, auf der er, die Säule und die Steine stehen – manchmal hat man den Eindruck, er sei von deren Stasis ebenso überrascht wie die Betrachter. Es donnert immer wieder.

Nach zwanzig oder dreißig Minuten, als bereits einige Balanceakte vollbracht sind, fällt einer der größeren Steine und löst dadurch eine Kette von weiteren Erschütterungen und Stürzen aus. Säulen und Steine kommen krachend auf den Platten zu liegen. Man erschrickt dabei nicht, rechnet man doch eher damit als mit dem beinah unglaubwürdigen Gleichgewicht der Objekte. Nun auch die gefallenen Säulen selbst einbeziehend, rearrangiert der Künstler das Gefallene zu neuen Gebilden.

(In einem Gespräch am Vortag einigte man sich auf die Frage nach dem möglichen Umstürzen, Scheitern lächelnd darauf, es sei „zwar nicht Teil des Plans, aber des Konzepts“.)

Die Zeit vergeht schnell, und man kann auch den jeweiligen Grad der Ruhe und Unruhe anderer Anwesender deutlich spüren. Natürlich gibt es einige Momente gemeinschaftlichen Aufatmens, wenn sich ein länger dauernder Akt endlich im Gleichgewicht befindet. Vor allem die letzten beiden Versuche wollen lange nicht gelingen, und der jeweilige Schwierigkeitsgrad hat sichtlich nichts mit dem zu tun, was die äußerliche Beschaffenheit der Objekte nahelegt.

Es wird klar, dass hier nicht nur Steine in eine flüchtige Balance gebracht werden, sondern damit auch die anwesenden Betrachter.

Unter großem Applaus beendet der Künstler nach einer guten Stunde sein Werk, um danach mit einer Karaffe einzelne Objekte vorsichtig mit Wasser zu benetzen. Man rechnet dabei jederzeit wieder mit einer Kette des Einstürzens.

Die Farben der Flusssteine treten leuchtend zutage.

Letzte Eröffnung, auf vier Ebenen.

In der Gemeinde Thüringerberg, ein Stück talauswärts von der einzigen Tankstelle im Tal, liegt die Ruine der Burg Blumenegg, einer sogenannten Spornburg. Ruine seit dem letzten Vollbrand 1774, ist sie um einen Kulturpavillon reicher, von Architekt Martin Mackowitz* geplant, erst letzte Woche fertiggestellt. Stahlträger, Holz, Glasfront talseitig, heute zur Gänze geöffnet, das Flachdach Terrasse. Davor Reste der Burgmauern, teils mit Spanngurten und Latten zusammengehalten, „Betreten der Baustelle verboten“. 

Von der Hauptstraße kommend, wird man von witzelnden Mitgliedern der Feuerwehr Thüringerberg auf einen Parkplatz eingewiesen und spaziert dann vorbei an den sanitären Anlagen (Hohlziegel, unverputzt) und Fahrzeugen lokaler Medien einen frisch gekiesten Weg entlang zur Ruine.

Martha „Martha Labil“ Laschkolnig, Performerin, Akrobatin, Clown und einiges, auf Ebene -1, einer Grube, und von rot-weißem Absperrband umsäumt, bei archäologischen Arbeiten. Diverse Pinsel und Spatel, Lupe, Mausefalle, Sieb; sie schweigt, arbeitet konzentriert.

Auf Ebene 0 Stehtische, heute rot und weiß bestrumpft, Programmhefte und Aschenbecher. Kontrabass, Besensnare und Saxophon nehmen Stellung. Real book Jazz, auch Brubecks fünf Viertel, Chronistenfavorit: A Day in the Life of a Fool. Auf Ebene 1, dem Innenraum des Kulturpavillons, wartet unter weißen Tüchern ein Buffet. Bis dahin: Prosecco, Bier, Radler, Saft und Rosé.

Hinter dem Gebäude ein Hang, mannshohe Königskerzen, oben auf Höhe der Dachterrasse eine weitere Kiesfläche mit Bühne. Sie bilden gemeinsam Ebene 2. Auf der Terrasse noch eine Bar, mehr Stehtische, Stühle, 60er Design-Hartschale. Ein Geschenk des Landeskrankenhauses Bregenz, hört man später.

Es spricht Alexandra Wucher vom Verein der Burgfreunde Blumenegg. Idee, Entstehung, Danksagungen. Dann Salven zweier junger Trompeter, Musikschule Blumenegg, von der südöstlichen Ecke der Dachterrasse. Danach Pater Christoph, der dem Ort, eigentlich den Anwesenden, seinen Segen zuteil werden lässt – Kultur, colere colui cultum, bebauen, pflegen, verehren; die Landwirtschaft, das Kreative. Mehr Trompeten. Dann Dietmar Nigsch, Festivalleiter, vorher mit Medienarbeit auf Ebene 2 beschäftigt. Abschließend Wilhelm „Willi“ Müller, Bürgermeister, der symbolisch eine Schriftrolle überreicht.

Das Buffet ist eröffnet.

Am Parkplatz hilft Otto Bischof mit Frau Nelia, siehe „Eröffnung. Ein Erlebnisaufsatz“, beim Rangieren um einen Zwetschkenbaum. Man bestaunt das Fahrzeug, einen neuen VW Golf, Elektro, Leihgabe. 

 

*Hat mit der Gruppe AO& das Lutzschwefelbad geplant, cf. http://wassertal.at/lutzschwefelbad

 

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Steinshibari. Jazz.

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Medienarbeit

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Mixed greens